YOGA-TEXTE:

 

 

Auf dieser Seite möchte ich Ihnen wechselnde Yoga-Texte und spirituelle  Botschaften zur Verfügung stellen, über die wir gerne per e-mail auch in ein Gespräch eintreten können.

 

Vorneweg:

 

Ein paar Gedanken zum Yoga-Üben

 

 

„Wir sind spirituelle Wesen, die eine

menschliche Erfahrung machen

und nicht menschliche Wesen,

die eine spirituelle Erfahrung machen.“

 

(Pierre Teilhard de Chardin)

 

 

« Yoga üben heißt, es zu einem

bekannten Weg zu den eigenen Quellen

zu machen. »

 

(Unbekannt)

 

 

„Wir können die Yogapraxis an jedem

beliebigen Punkt beginnen, aber als

ganzheitliche menschliche Wesen müssen

wir schrittweise alle Aspekte von uns selbst

einbeziehen.“

 

(T.K.V. Desikachar)

 

 

„Auf diesem Weg geht keine Bemühung

verloren, und es gibt keine Möglichkeit zu

versagen. Selbst die Übung nur eines

kleinen Teils dieser Disziplin schützt vor

großer Gefahr und Furcht.“

 

(Bhagavadgita, Kap. 2, Vers 40)

 

 

 

„You are the architect of your life

and you decide your destiny.”

 

(Sri Swami Rama, Yogameister, Arzt und Dichter

aus dem Himalaya, Begründer des Himalaya Institutes

für Yoga Wissenschaft und  -Philosophie)

 

 

Vorüberlegungen für einen Vortrag zum Thema

„Die Pädagogik des Yoga“

 vom 29. – 31. Juli 2005 im Kloster Benediktbeuren

(von Eva Hagenmüller)

 

è  Was ist Pädagogik? Im weitesten Sinne ist es die Wissenschaft von der Erziehung – mit allem, was dieses Thema enthält:

-          Zum einen befaßt sie sich mit den Werten und Lerninhalten selbst (Lernziele/Curriculum) sowie den Bedingungen des Lernens und Lehrens überhaupt, also auch mit den Vorbedingungen der Menschen, die lehren oder lernen sollen/wollen und ist insofern mit allen Wissenschaften eng verknüpft, die etwas mit dem zu tun haben, was man bisher über das Wesen und die Entwicklung des Menschen weiß, wie z.B. Psychologie, Philosophie, Soziologie, Geschichte, auch Biologie und Medizin.

 

-          Zum anderen befaßt sie sich mit der Auswahl der erwünschten Lerninhalte (Didaktik) in Bezug auf einen bestimmten Stoff sowie mit der Art und Weise, wie man die erwünschten Lerninhalte in Lernprozesse und Lernschritte so einteilt und auf eine solche Art und Weise dem Lernenden darbietet, daß die erwünschten Lernziele auch erreicht werden können (Methodik).

 

è   Wir kennen Pädagogik aus der Schule: dort haben wir mit Lernzielen und Lernprozessen zu tun gehabt, die andere vorbestimmt und vorbedacht haben und die keineswegs immer unseren Vorstellungen, Vorlieben, Motivationen und Zielen entsprachen. Die Bedeutung des aus dem Griechischen stammenden Begriffs „Pädagogik“ ist: „Knabenführung“ –  also erstaunt es nicht, daß diese Wissenschaft sich mit der Erziehung vor allem unmündiger Kinder befaßt, die zunächst nur sehr begrenzt für sich selbst verantwortlich sein können. Aber auch in der „Erwachsenenpädagogik“ geht es nicht in erster Linie darum, wie Freiheit und Selbstbestimmung erlangt werden können, sondern um erwachsenengerechte Aufbereitung von Lernstoffen – die allerdings als frei gewählt vorausgesetzt werden – es aber nicht immer sind, wie z.B. in Berufsausbildungsgängen, denn wenn ich mich an mein Universitätsstudium erinnere, so mußte ich vieles lernen, was ich so nicht gewählt hatte, was aber zu meinem Fach gehörte – und die Methode, wie ich das lernte, war dann ganz allein meine Sache...

 

è  Wie ist nun die Situation im Yoga – Was hat Yoga mit Pädagogik zu tun? Zunächst einmal ist Yoga kein Schulfach, niemand muß es lernen. Wenn ich also Yoga kennen und üben lernen möchte, hat es in einem ersten Schritt immer etwas mit freier Wahl zu tun. Vieles muß bei einem Menschen vorausgegangen sein, was ihn zu dieser Wahl führt. Aber auch vom Inneren der Yogawissenschaft, vom philosophischen Selbstverständnis des Yoga  her ist Fremdbestimmtheit des Übenden sowohl als auch des Übens selbst unsinnig, da der Yogaweg als ein Weg in die Freiheit, ein Weg zu sich selbst, der in Selbsterkenntnis gipfelt, definiert ist. Dennoch – und das erscheint uns zunächst als paradox – kann es geschehen, daß wir – wenn wir durch die „normale“ Erfahrung einer von außen her bestimmten Erziehung in Elternhaus, Schule und Berufausbildung dieses Fremdbestimmtsein verinnerlicht haben, unwillkürlich und unbewußt Yoga als System von außen erlernen, z.B. Philosophie „wissen“, aber nicht leben, Übungen „leisten“ und „können“, ohne das Wesen des Yoga-Übens selbst erfaßt zu haben und Meditation als Programm „absolvieren“ ohne uns selbst innerlich näher zu kommen. Wir können also „Yoga machen“, wie wir so oft selbstverräterisch sagen, und was wir damit eigentlich ausdrücken, ist, daß wir Yoga üben können neben unserem unveränderten sonstigem Leben, neben unseren ansonsten unveränderten psychischen Mustern und das, ohne dies bewußt wahrzunehmen... Und das bedeutet, daß Yoga eben kein „automatischer“ Weg in die Freiheit ist, sondern das ganz entscheidend dazu gehört, daß wir „uns selbst hinzufügen“, um es einmal so auszudrücken, denn ganz gleich, welche Übungen wir uns in freier Wahl aus dem großen Angebot der Yogawissenschaft heraussuchen,

 

è  Entscheidend sind unsere Motive und Ziele, die wir mit unserem Yogaüben verfolgen sowie das darauf abgestimmte innere WIE unseres Übens.

 

è  Beispiel: Wenn mein Ziel ist, Ruhe, Gelassenheit und Frieden mit mir selbst zu erlangen, führt es mich nicht zum Ziel, wenn ich auf eine Art übe, als wollte ich die nächste Yoga-Championship gewinnen...

 

Und das ist, nach meiner Erfahrung, der innere Kern einer auf anfänglicher Selbstbestimmung beruhenden und zu erweiterter/effektiverer Selbstbestimmung hinführenden „Pädagogik des Yoga“:

 

è  Nur ein Üben, das folgende Kriterien erfüllt, kann im oben genannten Sinne zum Erfolg führen:

 

° Ich muß mein Ziel , meine Motivation kennen oder doch ahnen, ersehnen, fühlen können und langfristig zielorientiert sein können,

 

° ich muß eine auf  freier Entscheidung basierende, auf das Ziel hinführende „passende“ Bemühung/Übung investieren, muß also tapas und svadhyaya üben

 

° und diese Bemühung regelmäßig verfolgen ohne Verhaftung (also ist hier ishvara pranidhana dran), mit Achtsamkeit, Liebe und Hingabe, mit Vertrauen und prozeßorientierter Geduld – also vordergründig gerade nicht zielorientiert, sondern Gegenwarts- oder Augenblicks-orientiert, d.h. ich muß herausfinden, wie ich abhyasa und vairagya immer wieder neu in jedem Moment ins Gleichgewicht bringen kann...

 

(s. auch Patanjali  1,12; 1,13; 1,14)

 

So zu üben ist , wie wir alle wissen, weder selbstverständlich noch einfach, sondern gleich das Schwerste überhaupt, und ich muß diese Art des Übens selbst erst durch und im Üben, durch „trial and error“, durch das Auf und Ab von „Erfolg“ und „Mißerfolg“, durch Verwirrung und Krisen, aber auch durch Momente der intuitiven Klarheit hindurch, durch die eigene praktische Erfahrung und durch die dabei sich steigernde Fähigkeit zur Selbst-Wahrnehmung hindurch erleben und dadurch erlernen.

 

Aus all dem geht hervor, daß ich – da der Yogaweg also offensichtlich kein „automatischer“ Weg ist,, sondern vom individuell und bewußt gestalteten Üben des Einzelnen abhängt -  entweder

 

è  „von mir weg“

oder

è  „auf mich zu“

üben kann.

 

Deshalb ist es so wichtig, die Einheit, das Zusammengehören, von

 

tapas

svadhyaya

 ishvara pranidhana,

 

also den „kriya yoga“ (Patanjali YS 2,1) beim Üben zu praktizieren, die Dialektik von

 

è  Üben/Bemühung/Einsatz unter Berücksichtigung von Selbststudium/ Selbstprüfung/ Selbst-Wahrnehmung einerseits

è  und von Loslassen, „es gut sein lassen“, alles individuelle Bemühen und Erkennen mit Demut einem Höchsten unterstellen und weihen mit Vertrauen und Hingabe in etwas, was uns übersteigt und uns sozusagen an der Hand unserer guten Absichten führt, andererseits...

 

Das zuletzt genannte Element, das Loslassen, das Hingeben allen Übens, aller Mittel, aller „Erfolge“ ist am wichtigsten – und schwierigsten, und ich bin meinem Lehrer Sri Swami Rama aus tiefstem Herzen dankbar, daß er mich sehr konkret, sehr persönlich und bisweilen äußerst unangenehm nachdrücklich immer wieder mit dieser Dialektik konfrontiert hat, die darin bestand, daß ich einerseits als Schülerin von ihm geführt und unterrichtet werden wollte – also scheinbar meine Selbstbestimmung aufgab zugunsten eines tiefen Vertrauens darein, daß er mich „richtig“, d.h. uneigennützig auf mich selber zu führen würde, wo ich es mit meiner eigenen, beschränkten Selbstwahrnehmung nicht konnte – zugleich aber andererseits dadurch ständig in der Gefahr des Anhaftens an ihn, der Aufgabe meines eigenen „buddhi-Einsatzes“ war...

 

è  Konkret gesprochen bekam ich an Weihnachten 1984, nach drei Jahren Unterweisung durch ihn und Swami Veda im Himalaya Institut in Ahrensburg, das große Geschenk, sechs Wochen lang mit ihm zusammen auf Mauritius zu verbringen. Dort habe ich die dynamische, unkonventionelle und oft nicht zu durchschauende Lehrweise eines Meisters der „Yoga-Pädagogik“ am eigenen Leibe und Geiste erleben dürfen. Und ich habe seitdem erfahren , wie  die Kraft dieser Unterweisung in mir weiter wirkt und meinen spirituellen Entwicklungsprozeß antreibt und entfalten hilft, eine Kraft, hinter der die gesammelte Weisheit einer Jahrtausende alten Tradition steht, die ich als „Einweihung“ empfand und die mir die Hingabe an die guru-Kraft ermöglicht und mich so von „gu“ zu „ru“, also „von der Dunkelheit ins Licht“ führt, und die mir, mir volle Freiheit lassend, ob ich die Kraft der Tradition nutzen möchte oder nicht, immer zur Verfügung steht durch mein eigenes Vertrauen in sie.

 

è  In meinem Buch „Yogaphilosophie als Ort der Begegnung von Ost und West“ schildere ich ein paar Episoden aus dieser Zeit mit Swami Rama in Mauritius, aber auch weitere Stationen meines Yoga-Entwicklungsweges, meine ganz persönliche Art, Swami Ramas Unterrichtung, eigene Lektüre und Unterrichtserfahrung zur Selbsterziehung zu nutzen.

 

è  Denn das war der Kern meiner Schülerin-Lehrer-Begegnung mit Swami Rama: Als er mich 1984 in Mauritius fragte, was ich denn von ihm wolle, sagte ich: „I want to learn to rely on myself“, und er sagte ganz ruhig und sanft: „Yes, that we can do...“ Und er hat Wort gehalten: Ich bin ganz eindeutig auf meinem ganz eigenen Yogaweg in Richtung der Erweckung des inneren Lehrers unterstützt worden – aber ich selbst habe  auch Wort gehalten, denn ich bin auf diesem Weg in die Selbstständigkeit und Freiheit geblieben...

 

è  Das erinnert mich an Krishnas Versprechen in der Gita, Kap. IV,11:

 

„Ganz gleich, auf welche Weise die Menschen sich mir hingeben, auf genau diese Weise gewähre ich ihnen meine Gnade. Die Menschen folgen auf allen nur denkbaren verschiedenen Wegen meinem Weg...“

 

D.h. also: finde heraus, was DU im Leben willst, was DEIN höchstes Ziel ist, und gehe deinen eigenen Weg dorthin – du kannst dabei nichts falsch machen, wenn es DEIN Weg ist und Dein Bemühen aufrichtig, denn

 

è  wie es in der Gita, Kap. II,35 auch heißt:

 

„ Es ist besser, das eigene Karma unvollkommen zu erfüllen, als das Karma eines anderen vollkommen zu erfüllen. Es ist besser, in der Erfüllung des eigenen Karmas zu sterben; denn der Versuch, dem Karma eines anderen zu folgen, beschwört Gefahr herauf.“ 

 

è  Auch der folgende Vers aus der Gita, Kap II, 40

unterstützt sehr auf dem eigenen Weg (und ist einer meiner Lieblingsverse, weil darin alles, aber auch alles gewürdigt wird, was wir an Üben zustandebringen können...):

 

„Auf diesem Weg geht keine Bemühung verloren, und es gibt keine Möglichkeit zu versagen. Selbst die Übung nur eines kleinen Teils dieser Disziplin schützt vor großer Gefahr und Furcht.“

 

Soweit die tröstlichen Unterstützungen Krishnas als Repräsentant des Höchsten Einen auf dem individuellen Weg des Bemühens um yogagemäße Selbst-Erziehung. Noch schöner aber finde ich Krishnas offene Arme am Schluß der Gita, wo er uns gleichsam zu einem großen Rundumschlag des Loslassens aller Bemühungen auffordert:

 

è  Kap. XVIII, 64-66:

 

„Höre weiter Mein letztes Wort, das höchste Geheimnis von allen: du bist ganz entschieden Mein Liebling; deshalb werde Ich dir sagen, was gut für dich ist.

 

Laß deinen Geist in Mir ruhen; sei Mir ergeben, opfere Mir, verehre Mich, du wirst wahrlich nur zu Mir kommen. Ich verspreche es dir, denn Ich habe dich sehr lieb.

 

Gib alles tugendhafte Handeln auf, komm und nimm allein in Mir Zuflucht; Ich werde dich von allem Übel befreien, traure nicht.“

 

 

***

Ich habe übrigens nie nach Yoga oder gar einem fernöstlichen Yogameister gesucht, beides kam von selbst auf mich zu, als ich inmitten einer mein ganzes Leben über den Haufen werfenden Lebenskrise in Frankreich bei einem Freund den Leiter des Himalaya Instituts in Ahrensburg, Wolfgang Bischoff, kennenlernte, der gerade dabei war, sein Yoga-Institut zu gründen und aufzubauen und immerzu von einem Swami Rama erzählte – für mich als durch die 68er Jahre geprägte linke Lehrerin höchst befremdlich...

 

Dennoch nahm ich Wolfgangs Einladung an, mir das Ganze doch mal anzuschauen, denn ich hatte als Oberstudienrätin in Hessen gekündigt und suchte ein neues Leben und nach einer grundsätzlichen Neuorientierung. Und schon bei diesem ersten Yogaseminar meines Lebens merkte ich: das ist es! Und ich übersetzte sofort das Buch „Holistic Health“ von Swami Rama – ein Buch übrigens das gedacht war, Amerikanern der 70er Jahre ein gesundes, ganzheitliches Leben nahezubringen und voller interessanter Selbsterziehungsprogramme war...

 

Und von Stund an übte ich und habe seither nicht aufgehört damit. Ich zog nach kurzer Zeit ins Ahrensburger Institut, Swami Rama kam dorthin, ich wurde initiiert – und ich erlebte, was die Tradition so ausdrückt: „Wenn der Schüler bereit ist, ist der Lehrer da...“

 

Nicht für alle Menschen läuft der Zusammenstoß mit Yoga und das Finden des eigenen Meisters so dramatisch, spektakulär und etwas wunderbar ab, aber es scheint mir doch so, daß Begleitung auf dem Weg hilfreich sein kann – aber es muß auch nicht immer ein indischer Meister aus dem Himalaya sein. Die Hauptsache ist, dieser Lehrer/diese Lehrerin paßt zu dir, deinen Wünschen und Zielen, ist weder moralisch rigide, noch Angst erzeugend oder auf die Abhängigkeit der Schüler aus, d.h. er führt dich in Richtung Selbst-Ständigkeit und Freiheit, d.h. in die Bereitschaft, dich als für dich selbst verantwortlich zu betrachten und das große Feld der Projektionen zu verlassen...

 

è  In der Tradition Swami Ramas – wie in allen großen spirituellen Traditionen, die auf  Liebe und Freiheit basieren -  bestimmt der Schüler seine Nähe zur Tradition und zum Meister selbst: nämlich durch sein Üben. Für mich ist der Kern dieses Übens die tägliche Meditation mit dem vom Meister in der Initiation  gegebenen mantra sowie einem bestimmten, auch von ihm gegebenen inneren Übungsablauf. Benutzte ich diese „Leihgaben“ nicht, so schwäche ich eben die Verbindung zum Meister und der Tradition – kann sie aber jederzeit wieder aufnehmen. Begriffe wie Strafen oder Moral oder schlechtes Gewissen oder Schuld haben hier keinen Sinn  - wohl aber ist es interessant für uns Übende zu beobachten, wie wir uns mit dieser Freiheit und Verantwortlichkeit für unsere Wahlen fühlen...Und ob wir lernen wollen/können, anstatt uns mit Schuld, Scham und Anstrengung selbst zu quälen, einfach den Lehrer, die Tradition – oder den eigenen inneren Lehrer – um Hilfe zu bitten – was ich alles des öfteren tue und womit ich gute Erfahrungen gemacht habe: es entspannt das Ego!...

 

Dabei merke ich, daß die Autorität, die ich Swami Rama bei diesen inneren Anrufungen gebe, eine ihm von mir geliehene ist – in Wirklichkeit, so fühle ich es, ist jede Anrufung -  wessen auch immer -  eine Selbst-Anrufung: ich rufe mein eigenes Höchstes Selbst an, wenn ich mich stellvertretend an Gott wende oder an meinen Meister, einen Engel oder wen auch immer ich im Augenblick der Not gern als Gegenüber hätte...

 

Seit nun 23 Jahren entfaltet sich durch meine Meditations-Übung  wie durch nichts anderes in mir die „Pädagogik des Yoga“, durch eine kleine, im äußeren Ablauf im Grunde einfache, innere, völlig unspektakuläre Angelegenheit – die doch zur Achse meines Lebens geworden ist, das sich um diesen stillen Punkt dreht und von dem aus ich auf geheimnisvolle Weise durch die Gnade des Selbst in meiner Wahrnehmungsfähigkeit wachsen darf.

 

Dabei merke ich auch mehr und mehr, daß „ich“ dabei eigentlich gar nichts tue – und je weniger, desto besser! Ich schaue nur zu, was geschieht – und ich glaube mehr und mehr, daß wir wirklich – so wie Krishna es sagte am Ende der Gita – gar nichts tun müssen, Wahrnehmung = „die Wahrheit nehmen“ – genügt....

 

Was ich auch wahrnehme in den langen Jahren der Selbstbeobachtung ist: die Konfliktbereitschaft und entsprechende „Hilferufe“ nach innen/oben nehmen ab, dafür die Dankgebtete zu...ein Zeichen, daß sich Wünsche zu erfüllen beginnen.  

 

 

***

 

 

 

Ich habe mehrere Bücher von Swami Rama übersetzt (s. auch die Literaturliste), und dabei ist mir aufgefallen, daß sie eigentlich alle „pädagogisch“ aufgebaut sind, d.h. Swami Rama war immer bestrebt, die Yogaphilosophie und –psychologie für seine Schüler so aufzubereiten und zu erschließen, daß ein selbständiges Lernen, ein Organisieren selbständiger Lernprozesse – und das hieß für ihn immer und vor allem Erfahrungsprozesse – ermöglicht wurde. Das habe ich für mich in großem Ausmaß nutzen können, da es auch schon vor meiner Begegnung mit Yoga meine Art war, Bücher für meine eigenen inneren Dialoge und Lernprozesse, für Zielbestimmungen, Motivationsanalyse und Lebenspläne zu nutzen, um immer wieder bei der praktischen Umsetzung durch eigene Erfahrung zu erleben, was für mich funktionierte und was nicht.

 

Unser großer Ost-Westler Goethe hat als Rezept zum Herausfinden der (eigenen) Wahrheit in seinem Gedicht „Vermächtnis“ einmal den genialen Satz geprägt: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr...“, und daran halte ich mich beim Auswerten meiner Erfahrungen...

 

Swami Rama hat mich durch sich selbst, durch die Art seines Seins, seine für mich spektakuläre Freiheitsfähigkeit (ich habe nie vorher und nie nachher einen Menschen kennengelernt, der so absolut frei von Projektionen und in vollem Bewußtsein seiner Verantwortung tat, was er wollte, dachte was er wollte und sagte, was er wollte...), seine Liebe, Geduld und seine ungewöhnlichen „life-Interventionen“  auf meinem eigenen Weg in die Selbstständigkeit unterstützt, und er hat dabei oft das pädagogische Prinzip verfolgt, mich selbst herausfinden zu lassen, was seine Unterweisung nun eigentlich anzielte und bedeuten sollte – wenn ich – oft genug – verwirrt dasaß in von ihm geschaffenen „life-Situationen“... Genauso sitzen wir ja auch sonst im täglichen Leben oft genug verwirrt da, und kein Meister sagt, was zu tun ist, sondern wir müssen selbst herausfinden, wie wir die Menschen und Dinge zu nehmen haben, die uns vor die Nase gestellt werden...

 

Swami Rama hat niemals versucht, mich zu irgend etwas zu bringen, mich von etwas zu überzeugen, sondern ich hatte immer alle Freiheit der Wahl, der Reaktionen und Entscheidungen – aber er hat mich wie kein anderer mit mir selbst zu konfrontieren gewußt, so daß ich schlagartig an mir selbst aufwachen konnte, weil mir – gerade weil er nichts weiter sagte – meine eigenen Worte und Handlungen überdeutlich wurden und mir meine Muster präsentierten – das war oft sehr unangenehm, aber großartig und unvergeßlich prägnant.

 

Inzwischen habe ich gelernt, das Leben selbst als Lehrer zu benutzen, mich durch Menschen und Ereignisse meines Alltags konfrontieren zu lassen und daran zu erwachen...

 

Und so ist inzwischen mein Haupt-sadhana neben Meditation und Unterrichtspraxis mein Leben selbst geworden.

 

 

 

Literaturvorschläge zum Thema

 

1.      Swami Rama, Ganzheitlich leben, Verlag Ganzheitlich leben

 

2.      Swami Rama, Unter Meistern im Himalaya, Goldmann, Arkana

 

3.      Pandit Usharbudh Arya, Die Philosophie des Hatha Yoga

Verlag Ganzheitlich leben

 

4.      Die Bhagavadgita, mit einer Einführung von Swami Rama und einem Anhang über den Dialog zwischen Arjuna und Krishna, Verlag Ganzheitlich leben

 

5.      Eva Hagenmüller, Yogaphilosophie als Ort der Begegnung von Ost und West, 260  S. 18.- Euro

 

 

 

 

*****

 

 

 

Yoga International                                                                    Sept./Okt. 1991

 

Das Geheimnis, wie man glücklich sein kann

Aruna Bhargava :

 

Ein junger Mann ging zu einem Lehrer und fragte ihn,

"Kannst du mich die Kunst lehren, glücklich zu sein?"

"Ja!" antwortete der Lehrer.

"Wie lange wird das dauern?" fragte der junge Mann.

"Drei Tage."

"Drei Tage! Soviel Zeit habe ich nicht. Gib mir einen Intensivkurs!"

"Drei Wochen," sagte der Lehrer und sah dabei zum dem Fenster heraus.

"Was meinst du damit, drei Wochen? Ich habe Verpflichtungen, Termine, wichtige Arbeiten zu verrichten."

"Drei Monate," sagte der Lehrer, ohne seinen Blick von dem Baum außerhalb des Fenster zu wenden.

Der junge Mann fing an ärgerlich zu werden. "Was ist mit dir los? Ich habe gehört du seiest ein großer Lehrer, aber du hörst mir nicht einmal zu. Okay, ich werde drei Tage bleiben. Aber verschwende nicht meine Zeit. Ich will Glück, jetzt sofort."

"Drei Jahre," sagte der Lehrer.

"Du spinnst!", schrie der junge Mann. "Hör auf, aus dem Fenster zu blicken und erkläre mir ein für alle mal, was ist die kürzeste Zeit, in der ich die Kunst erlernen, kann glücklich zu sein."

"Ein ganzes Leben," sagte der Lehrer, während er ganz ruhig aus dem Fenster blickte. Der junge Mann stürmte aus dem Ashram. Man kann mit Sicherheit darauf wetten, daß er niemals das fand, was er suchte.

Wir sind meistens genauso, wir wollen eine schnelle Antwort, ein sofort wirkendes Mittel. Wir denken, Glück ist etwas, das man verfolgen und einfangen kann, aber je mehr wir uns anstrengen, um so schwerer faßbar wird es.

Schau dich um. Wie viele wirklich glückliche Menschen siehst du? Du kannst beinahe jeden fragen, was er oder sie sich am meisten wünschen, die Antwort wird stets "Glück" sein. Alles was wir tun, ist daraufhin ausgerichtet, glücklich zu werden - es ist unser höchstes Ziel. Aber was für ein Ding ist das, worum sich jeder bemüht, es jedoch nur selten erlangt? Wenn wir nicht wissen, was wir suchen, wie können wir es dann erkennen, selbst wenn es uns in den Schoß fällt?

Glück ist ein Zustand des Geistes, eine Gewohnheit, nicht aber ein Gebrauchsartikel. Viel Menschen glauben, Glück sei eine Art Euphorie, etwa vergleichbar mit einem durch Drogen hervorgerufenen Rauschzustand. Vielleicht ist es möglich, diesen Zustand zu erreichen, jetzt oder später, aber er kann nicht aufrecht erhalten werden. Wenn es das ist, wovon wir glauben, daß es Glück sei, dann können wir sicher sein, daß wir enttäuscht werden.

Wenn wir aber Glück als einen positiven Zustand des Geistes definieren, in dem wir ein gutes Gefühl gegenüber uns selber als auch anderen gegenüber haben, dann können wir das kultivieren. Wir können lernen, wie wir uns friedlich, freudig und innerlich stark fühlen, wie wir ungezwungen lachen und unsere Mitmenschen lieben können. Wenn wir Glück auf diese Weise definieren, dann ist es für uns erreichbar. Das ist die Definition, die der Yoga uns bietet und das ist auch die, die ich für mich selber gewählt habe und meinen Kunden anbiete.

Gemäß dem Yoga ist das Erlangen von Glück so etwas, wie eine Reise zu unternehmen, mit Meilensteinen unterwegs. Das Ziel ist ein Seinszustand. Er kann nicht sofort erlangt werden, aber wie bei einer langen Reise, Schritt für Schritt, Meile für Meile. Die meisten von uns haben tief verwurzelte Gedankenmuster, die uns unglücklich machen. Diese können nicht über Nacht verbannt werden, sondern müssen identifiziert und Stück für Stück umgewandelt werden.

Es ist sicher hilfreich, sich Glück als einen Heiligenschrein vorzustellen, elegant in seiner Einfachheit. Aus einem Gewölbe bestehend, das von fünf Säulen gestützt wird. Diese fünf Stützen, sind die Gewohnheiten des Denkens und des Handelns, die durch das Üben des Yoga kultiviert werden:

· Leben in der Gegenwart

· sich selber als den Handelnden sehen

· Verzicht üben

· Selbstachtung kultivieren

· Nicht-Anhaftung üben

Das Gewölbe, das diese Pfeiler überspannt und verbindet, ist eine bestimmte Haltung dem Leben gegenüber - die Haltung des Zeugen.

 

Zeuge werden

Stell dir vor, dein Leben ist ein fremdes Land und du besichtigst es als ein Anthropologe. Nimm an den Ereignissen um dich herum teil, während du gleichzeitig die Kultur scharf  beobachtest, aber beurteile nicht. Beobachte deine Gedanken, deine Sprache und deine Handlungen. Wenn du dies tust, wirst du dir der Natur deines Geistes und deiner Gewohnheiten bewußt werden.

Die meisten von uns sind in ihren eigenen negativen Gedanken gefangen. Das ist ein Teufelskreis. Wir hören auf die selben alten negativen Tonbänder, die immer wieder in unserem Kopf abgespielt werden. Dadurch entsteht ein Gefühl von Ärger, Enttäuschung, Groll, Eifersucht und eine Unzahl von anderen unerfreulichen Zuständen. Von solchen Gefühlen besessen, isolieren wir uns, lassen unsere Enttäuschungen an anderen aus und geben diesen die Schuld, geben uns unserem Selbstmitleid hin oder brauen uns eine verhängnisvolle Mischung aus all dem zusammen. Das einzig mögliche Ergebnis dieses Verhaltens ist Niedergeschlagenheit, und die negativen Tonbänder, die wir im Kopf abspielen, tönen umso lauter – und so geht das immer weiter.

Je unerbittlicher wir gegen unsere Negativität ankämpfen, desto mehr Energie geben wir ihr und desto stärker wird sie. Der einzige Ausweg, der bleibt, ist zu beobachten. Wenn du deine Haltung als Zeuge aufrecht hältst, dann wirst du deinen Geist dabei erwischen, wie er einen Faden von negativen Kommentaren spinnt - und jetzt kannst du eingreifen.

Eine Technik, die wie ein Zaubermittel funktioniert, besteht darin, zu deinem Geist zu sprechen, wenn du merkst, daß er bei negativen Gedanken verweilt. „Oh Geist, du gehst ja wieder dahin! Warum wiederholst du nicht stattdessen dein mantra? Weißt du nicht, was die Weisen sagen, daß du wie ein trunkener Affe andauernd von einem Baum zum anderen springst? Wenn du schon umherspringen musst, warum spielst du nicht in der belaubten Baumkrone, anstatt deine Zeit unter den toten und geschwärzten Stämmen zu verbringen?“

Wenn du das sanft und beständig machst, dann wird dein Geist allmählich seine alten negativen Gewohnheiten abstreifen und anfangen, sich angenehm und nützlich mit sich selbst zu beschäftigen. Du kannst deine Gewohnheit, Zeuge zu sein, intensivieren, indem du ihn mit den folgenden fünf Gewohnheiten des Denkens und Handelns unterstützt.

 

Leben in der Gegenwart

Unser Geist springt andauernd von der Vergangenheit in die Zukunft und wieder zurück, indem er meistens die Gegenwart vollständig umgeht. Wir verbringen viel Zeit damit, über die Vergangenheit ärgerlich oder niedergeschlagen zu sein, selbst dann, wenn wir nichts mehr daran ändern können. Oder, wir machen uns selber unglücklich, indem wir uns über die Zukunft Sorgen machen.

Hast du schon jemals beobachtet, das Angst immer auf die Zukunft gerichtet ist und niemals auf die Gegenwart? Wir sind wie das Milchmädchen, das zur Stadt läuft, um dort die Milch zu verkaufen, die es in einem Krug auf dem Kopf trägt. Während es sich  in Gedanken ausmalt, was es alles mit dem verdienten Geld machen könnte, übersieht es den Stein auf ihrem Weg und so wird die Milch verschüttet und sein Traum ist zerstört.

Wieviele Male haben wir uns selber dabei ertappt, daß wir unsere Aufmerksamkeit eher auf die Zukunft als auf die Gegenwart gerichtet haben? Die einzige Existenz, die wir haben, ist das Hier und Jetzt. Die Vergangenheit ist eine Erinnerung, und all unsere Vorstellungen über die Zukunft sind nichts anderes als Erinnerungen aus der Vergangenheit, die in die Zukunft projiziert werden. Ist denn die Vergangenheit so wunderbar, daß wir wahrhaftig den Wunsch haben, unsere Zukunft daraus zu weben?

Benütze deine Fähigkeit, Zeuge zu sein und übe dich darin, im gegenwärtigen Augenblick zu verweilen. Immer wenn du wahrnimmst, daß dein Geist über Vergangenes grübelt oder sich um Zukünftiges Sorgen macht, dann stelle dir ein großes rotes Stoppschild vor und führe deinen Geist wieder in die Gegenwart zurück. Dann widme dem, was du auch gerade machst, deine volle Aufmerksamkeit.

Die Weisen lehren uns, daß jene, die gelernt haben, im Augenblick zu leben, nicht wissen was Traurigkeit ist und ihnen weder Launen und noch die Unbill des Lebens etwas anhaben können.

 

Sieh dich selbst als den Handelnden

In den Shiva Sutras, das sind heilige Schriften, die in die Felsen von Kaschmir eingeritzt sind, gibt es die Feststellung: nartaka atma, das Selbst ist der Handelnde. Selbst Shakespeare kleidet in seinem Schauspiel Wie es euch gefällt diese Wahrheit in Worte:

Die Welt ist eine Bühne,

Und alle Menschen, Männer wie Frauen, sind nur Schauspieler,

Sie haben ihren Auftritt und ihren Abgang;

Ein Mensch spielt zu seiner Zeit viele Rollen ...

Wir sind alle nur Schauspieler, die an einem kosmischen Schauspiel teilnehmen. Das Unangenehme daran ist, daß wir vergessen, das wir nur Rollen spielen. Sei Zeuge des Lebensschauspiels und deiner Rolle darin. Beobachte, wie du und deine Schauspielerkollegen die Kostüme wechseln, wenn du deine Rolle wechselst. Wenn du zu einem Vorstellungsgespräch gehst, dann ziehst du dir einen Anzug an. Wenn du zu einem Picknick gehst, dann könnte deine Kleidung aus Shorts bestehen. Versuche diese beiden Rollen mit vertauschter Kleidung zu spielen und beobachte das resultierende Chaos!

Du wirst am Leben Vergnügen finden, wenn du das Schauspiel oder deine Rolle in ihm nicht zu ernst nimmst. Spiele deine Rolle voll und ganz, halte dich an das Drehbuch und benütze die Requisiten. Unterhalte dich gut, jedoch identifiziere dich nicht mit der Rolle, die du spielst. Sei aber aufmerksamer Zeuge, wenn der Schauspieler seine Rollen wechselt.

 

Verzicht üben

Die meiste Zeit sind wir unserem Ego so vorbehaltlos ergeben, daß es schier unmöglich ist, auch nur darüber nachzudenken, auf irgend etwas zu verzichten. Wir stolzieren mit aufgeblasenem Ego und ernstem Gesichtsausdruck durch das Leben, so als ob die ganze Welt auf unseren Schultern ruhte!

Was würde passieren, wenn wir auf nichts anderes als auf unser Ego verzichten würden? Führe ein Experiment durch: Ertappe dich selber dabei, wenn du wieder einmal von Überheblichkeit erfüllt bist und dich so benimmst, als könne die Welt nicht ohne dich funktionieren. Dann lasse deine Überheblichkeit fallen, das Gefühl, von anderen getrennt zu sein. Wenn du darin einige Fertigkeit erwirbst, dann wirst du ein neues Gefühl von Leichtigkeit und Unabhängigkeit finden; d.h. wenn du dich von deinem Ego löst, dann verlierst du deine Angst vor den Wirkungen deines Handelns. All das ist notwendig, es geschieht zu unserem Besten. Lasse die Wirkungen für sich selber sorgen. Konzentriere dich auf den Prozess selber und habe Vergnügen daran. Wenn du auf diese Art und Weise lebst, dann ist das Leben ein Vergnügen; wenn erst die vom Ego verursachte Blockade aufgelöst ist, dann kann die Energie des Höheren Selbst ungehindert durch dich hindurch fließen.

 

Kultiviere Selbstachtung

Es gibt einen Unterschied zwischen egoistisch sein und einen gesunden Sinn für Selbstachtung haben. Egoismus ist ein Hindernis, um glücklich zu sein; Selbstachtung ist ein Mittel, um glücklich zu sein.

Selbstbewusstsein ist die erste Voraussetzung für Selbstachtung. Wir müssen uns selber auf allen Ebenen kennen –  unsere körperliche, geistige und spirituelle Ebene. Fange an zu lernen, für deinen Körper zu sorgen, damit er gesund und kraftvoll ist. Durch Studium, Kontemplation und Meditation lerne deinen Geist kennen und wie du ihn trainieren kannst. Und zum Schluss lerne dich selber als ein spirituelles Wesen kennen.

Viele der großen Weisen lehren, der kürzeste Weg, um uns selber als spirituelle Wesen zu erkennen, sei die Frage „Wer bin Ich?“ zu stellen. Indem du diese Frage wieder und wieder stellst, kommt es dir zu Bewusstsein, dass du nicht der Körper bist, obwohl dir ein Körper zur Verfügung gestellt worden ist. Du bist nicht der Geist, obgleich er ein leistungsfähiges Instrument ist. Wenn du immer weiter fragst „Wer bin Ich?“ und nach dem „Ich“ suchst, das weder der Körper noch der Geist ist, dann fängst du langsam an, ein Gespür dafür zu entwickeln, was deine wahre spirituelle Natur ist.

Das führt ganz natürlich zur Selbstakzeptanz, weil du allmählich erkennst, dass das „Das“, das du bist, vollkommen ist. Was ist aber das „Das“? Gemäß der Yoga-Philosophie ist das „Das“ der Funke des Göttlichen, der im Tempel des Körpers wohnt. Die Erkenntnis, dass du das „Das“ bist, kann dir blitzartig bewusst werden, aber meistens kommt sie ganz allmählich als Folge einer anhaltenden spirituellen Praxis.

 

Übe Nicht-Anhaftung

Der Weg, das Nicht-Anhaften zu üben, besteht darin, in der Welt mit dem vollen Bewusstsein zu leben, dass nichts dir wirklich gehört. Alle Dinge sind hier zu unserem Nutzen und Vergnügen da. Wir sind die Wächter, nicht aber die Besitzer. Ein Beispiel, ich lebe in einem Haus. Mein Name steht auf der notariellen Urkunde, aber gehört das Haus dann mir für alle Zeit? Wenn ich diese Welt verlasse, dann gehe ich mit leeren Händen, und lasse alle meine Besitztümer und Beziehungen zurück. Ich werde in diesem Haus für einige Jahre leben, dann wird es an irgend jemand anderen übergehen. So ist es mit allen Beziehungen und materiellen Besitztümern.

Das Leben ist wie ein fließender Strom. Alle Dinge sind in Bewegung. Veränderung ist immerwährend. Wenn du gegen den Strom anzugehen versuchst oder an der gleichen Stelle stehen bleiben willst, wirst du dich in Kürze erschöpft und elend vorfinden.

 

Das Ziel erreichen

Die Yoga - Wissenschaft hat viele praktische Methoden entwickelt, die einem Übenden helfen, Zeuge zu werden und die Kunst in der Gegenwart zu leben zu vervollkommnen, so zu handeln, als sei die Welt eine Bühne, sich in Verzicht zu üben, die Achtung vor sich selber zu pflegen, und  Nicht-Anhaftung zu üben. All diese Charakterzüge schaffen Frieden, Stärke und Liebe für andere und erzeugen ein Gefühl von Glück. Fange damit an, deinen Tempel des Glücks aufzubauen, mit seinem Gewölbe und den fünf Säulen. Arbeite systematisch, baue es für genau 30 Tage. Du wirst entzückt sein, was für einen Unterschied es in deinem Leben geben wird.

 

Aruna Bhargava, Doktor der Philosophie, erwarb ihren Magister in Psychologie und Soziologie, sowie die Promotion an der Rutgers Universität. Derzeit ist sie stellvertretender Direktor des Diagnostik- und Therapie - Zentrums für Erwachsene in New Jersey.

 

 


Die Revolution im Heilen

Von Pandit Rajmani Tigunait

Es war der 11. November 11 Uhr vormittags im Jahre 1996. Mein Lehrer, Sri Swami Rama, lag auf seinem Sterbebett am Fuße des Himalaya. Als meine Frau und ich den Raum betraten, gingen mir ein Strom von Fragen durch den Kopf - etliche betrafen meine eigene Übungspraxis und andere betrafen die Arbeit des Himalaya-Instituts. Ich hatte diese Fragen seit Swamiji's Abreise aus den Vereinigten Staaten vor drei Jahren gehabt, aber er war nie darauf eingegangen. Jetzt aber fing er an zu sprechen, noch bevor ich eine Gelegenheit hatte ihn zu begrüßen.

"Heute steht die Menschheit am Scheideweg," sagte er. "Beides, das Beste und das Schlimmste haben wir noch vor uns. Die Kräfte der Finsternis und des Lichts sind im Krieg miteinander. Heutzutage, in unserem Zeitalter, in dem die Welt enger zusammenrückt, müssen wir einsehen, daß unsere wesentliche Identität in unserem Menschsein besteht. Ohne diese Einsicht werden Hindus, Moslems, Christen, Juden, Menschen aus Ost und West sich gegenseitig Konkurrenz machen, mit dem Resultat, daß die Menschheit von Furcht und Angst ergriffen bleibt."

Nach einer kurzen Pause, sprach er weiter. "Wissenschaft und Technik entwickeln sich mit halsbrecherischem Tempo. Wenn unser spirituelles Verstehen nicht in dem gleichen Maße mitwächst, wird die menschliche Zivilisation in eine solche Schieflage geraten, daß sie kollabiert. Bevor wir letztendlich eine Welt schaffen, die von materialistischen Kräften beherrscht wird und bevor das Menschengeschlecht von einer Epidemie von Habgier heimgesucht wird, müssen die Menschen zu erkennen lernen, daß das Leben eine höhere Bedeutung und Sinn hat. Ohne diese Einsicht können die Probleme hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit, Gesellschaftsethik, Massenvernichtungswaffen und Umweltzerstörung niemals gelöst werden.

Swamiji machte erneut eine Pause, um seine Kräfte zu sammeln, dann sprach er weiter. "Die Menschen sind um die Erhaltung ihres Erbes besorgt, obwohl sie die meiste Zeit nur wenig oder gar nichts darüber wissen. Aus purer Eitelkeit glauben sie, daß sie etwas Besseres sind und versuchen, diesen Glauben allen anderen aufzudrängen. Das verursacht endloses Blutvergießen. Wenn wir wirkliche Befreiung von Angst erlangen und nicht die Quelle von Furcht für andere sein wollen, müssen wir zu allererst das Wesen unseres eigenen Erbes herausfinden. Je mehr wir darüber wissen, um so größeren Respekt werden wir davor haben. Je größer der Respekt für unser eigenes Erbe ist, um so größer ist unser Respekt für die  Traditionen anderer. Darum besteht die Mission des (Himalaya-) Instituts darin, den Menschen zu helfen, ihre eigenen Wurzeln zu entdecken und zu hegen. Geh jetzt. Gott sei mit dir."

Als ich den Raum meines Lehrers verließ, ging mir mein ganzes Leben blitzlichtartig durch den Kopf. Ich sah mich selber in einem kleinen nordindischen Dorf aufwachsen, zu einer Zeit, in der das ganze Land in Aufruhr war. Als Kind und als Halbwüchsiger sah ich, wie die Mitglieder der oberen Kasten ihre pure Eitelkeit fütterten, während die Mitglieder der unteren Kasten ihren Haß hegten. Mahatma Gandhi's Bemühungen, die Hindu-Gesellschaft mit Gleichheit und Gleichmut zu durchdringen, war vergeblich gewesen. Die Kluft zwischen den niederen und den oberen Kasten weitete sich in dem Maße aus, wie jede Gruppe versuchte, die andere nieder zu machen. Der Haß zwischen Hindus und Moslems verstärkte sich, als politische und religiöse Führer den Zorn beider Gruppen für ihre eigenen Belange schürten. In der neu gewonnenen Demokratie, in der die Führer herauszufinden suchten, welches spezielle ökonomische und soziale System - der Kapitalismus, der Sozialismus oder der Kommunismus - am besten für Indien sei, war das Gefüge der Gesellschaft durch ethnische Differenzen, Sprachen, Kasten, Rassen und sektiererische Überzeugungen überfordert. Wo immer ich auch hinschaute, ich sah Furcht, Zorn und Haß, der aus einem Gefühl von Trennung, Entfremdung und Isolation entsprang. Ich sah, wie Politiker die Armut und Ignoranz ausnutzten, von der die indische Gesellschaft durchdrungen war. Ich sah Moslems, die vorsätzlich die Hindus belästigten, indem sie ihre Predigten über Lautsprecher hinausbrüllten und Hindus, die Moslems mit der spöttischen Bemerkung, ihr Gott sei taub, lächerlich machten.

Dann glitt meine Erinnerung zu meinem augenblicklichen Leben in den Vereinigten Staaten. Hier in dem Land der Freiheit und Möglichkeiten gibt es kein Kastensystem und keine religiöse Gewalt. Bestechung und Korruption sind hier nicht ein Teil des täglichen Lebens. Im Gegensatz zur indischen Gesellschaft erfreuen sich in den Staaten Frauen der gleichen Freiheit und Privilegien wie Männer. Im großen und ganzen ist die Regierung stabil und die Menschen sind wohlhabend. Trotzdem gibt es hier im Gegensatz zu Indien nur wenig inneren Frieden. Das hier ist eine Gesellschaft voller zerbrochener Familien, und dieses instabile familiäre Milieu ruft Angst und Mißtrauen in unseren Kindern herauf. Nie zuvor hatte dieses Land eine derartig hohe Anzahl von Anwälten und Therapeuten. Warum nur?

Dieses Grübeln erinnerte mich an eine Stelle in Swamiji's Autobiographie, Ein Leben mit den Meistern des Himalaya : "Obwohl die Völker Indiens und der Vereinigten Staaten in derselben Welt leben, denselben Sinn des Lebens haben, ist jedes Volk für sich ein Extrem. Beide, der Osten wie der Westen, experimentieren immer noch, um den rechten Weg zum Leben zu finden... Extreme helfen der Menschheit nicht, das höchste Stadium von Zivilisation, nach dem wir streben, zu erlangen. Innere Stärke, Heiterkeit und selbstlose Tätigkeit sind die fundamentalen Prinzipien des Lebens... Die Befreiung von allen Ängsten zu erlangen, ist die wichtigste Botschaft der Weisen des Himalaya."

Swamiji gründete das Himalaya-Institut, damit es eines Tages als Brücke zwischen Ost und West, zwischen Spiritualität und Wissenschaft, uralter Weisheit und moderner Technologie dienen würde. Die Absicht dieser Brücke war es, der Menschheit zu helfen, die Kunst des glücklichen Lebens zu erlernen. Yoga ist das Mittel, um diese Kunst zu vermitteln. Häufig sagte er: "Glück ist dein eigenes Werk. Wozu sind all die Übungen gut, die ihr Menschen macht, wenn sie euch nicht helfen, glücklicher und gesünder zu werden? Was ist der Yoga wert, wenn er dir nicht hilft, eine qualitative Veränderung deines Lebens zu bringen? Am Anfang praktiziere Hatha-Yoga, Körperhaltungen und Atem-Übungen, aber dann schreite fort zum nächsten Stadium, das dir es ermöglicht, liebenswürdiger, liebevoller und rücksichtsvoller zu werden. Und dann, wenn du schon viele Jahre Yoga praktiziert hast, findest du, das du selber und dein Familienleben immer noch von Angst, Zweifel, Streit und Ärger erfüllt sind. Das bedeutet, du bist auf einer niedrigen Yoga-Stufe stehen geblieben. Studiere und übe den Aspekt des Yoga, der dir erlaubt, dich auf jeder Stufe des Yoga zu verstehen – deinen Körper, deinen Geist, die Welt in deinem Inneren und die Welt außerhalb von dir. Das wird Selbstverwirklichung genannt. Selbstverwirklichung hilft dir, deinen rechtmäßigen Platz in dieser Welt zu finden und sie ermöglicht dir, deine Rolle gut zu spielen. Sie hilft dir, eine friedvolle Atmosphäre in und um dich zu schaffen. Erst dann, wenn du deine inneren Ängste überwunden hast und einen friedvollen Geist entwickelt hast, wirst du die Kunst des glücklichen Lebens meistern. Erst dann ist es dir möglich, eine vollkommene Welt zu schaffen.“

Was für eine erhabene Vorstellung – Befreiung von aller Furcht. Welch eine erhabene Lebensaufgabe – den Menschen helfen, die Kunst des glücklichen Lebens zu meistern. Welch eine erhabenes Ziel – eine vollkommene Welt zu erschaffen. In wieweit hat Swamiji diese Ziele erreicht? Er hat das Himalaya-Institut gegründet. Jetzt ist es eine multinationale Organisation. Er schrieb unzählige Bücher. Er hielt Vorträge und unterrichtete über ein Vierteljahrhundert in der ganzen Welt. Und er hat Hunderte von Studenten darauf vorbereitet, dass sie jetzt anfangen Yoga,  Ayurveda, östliche Philosophie, Psychologie und die Prinzipien der ganzheitlichen Gesundheit zu unterrichten. Das Institut, das er gründete, hat eine Vielzahl von Projekten gemacht – alle dienen der Menschheit auf unterschiedliche Weisen. Der Verlag „Himalaya Institute Press“ hat mehr als 100 Titel verlegt, viele davon sind in mehrere Sprachen übersetzt worden. „Yoga International“ ist auf seinem Gebiet ein führendes Magazin geworden. Das „Himalaya Hospital“ gewährt Millionen von unterprivilegierten Menschen, die am Fuße des Himalaya leben, medizinische Versorgung.

Nachdem er all dies vollbracht hat, hat Swamiji damit seine Mission vollendet? Es gibt immer noch viele von uns, die nicht wissen, wie sie ein friedvolles und glückliches Leben führen sollen, wie sie allein eine vollkommene Welt schaffen sollen. Die menschlichen Herzen sind immer noch von Furcht erfüllt.

Indem mich Swami Rama zu seinem Nachfolger ernannte, hat er mir die Verantwortung für die Weiterführung seines Werks übertragen. In all den Jahren ist mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf gegangen: Wenn er nicht länger in seinem Körper weilt, was werde dann ich unternehmen müssen, damit ich seine Mission in das nächste Stadium bringen kann? Schließlich fielen mir seine genauen Worte ein, die er 1976 zu mir gesprochen hat, bevor er mich in die Vereinigten Staaten brachte. „Wenn du in die Staaten kommst,“ sagte er, „dann wirst du wissen, was nötig ist, um Lehrer zu sein. Zum Lehrer ernannt zu sein, ist ein großes Privileg. Wenn du aufrichtig bist, und darauf achtest, nur das weiter zu geben, was du von der Linie (der Himalaya-Tradition) empfangen hast und durch deine persönliche Erfahrung verifiziert hast, dann wirst du in jedem Augenblick deines Lebens ein großartiges Gefühl von Freude erfahren. Wichtig ist dabei, dass du anfangs nur so große Schuhe anziehst, dass sie dir auch passen. Dann wirst du automatisch wissen, was du unterrichten und wie du unterrichten sollst.“

Swamiji hat vor sieben Jahren seinen Körper verlassen. Seit dieser Zeit haben mich meine Reisen durch die ganze Welt geführt. Ich bin Menschen aus allen sozialen Schichten begegnet – armen und reichen, alten und jungen, ungebildeten und gebildeten. Aber ungeachtet der großen Entwicklung in menschlicher Ideologie, stellte ich fest, daß die Menschen an der primitiven Idee festhalten: der Osten ist der Osten, und der Westen ist der Westen. Ungeachtet des mutigen Fortschritts von Tausenden von Organisationen - sowohl staatlichen als auch privaten - verbreitert sich die Kluft zwischen arm und reich. Edelgesinnte Gruppen, wie die Vereinten Nationen und das Weltparlament der Religionen halten mit großer Regelmäßigkeit Friedenskonferenzen ab, dennoch tobt der politische und religiöse Krieg wie eh und je.

Als ich 1979 in die Vereinigten Staaten kam, strengte ich mich bewußt an, um meine Vergangenheit hinter mir zu lassen. Ich habe mich gezwungen, daran zu glauben, daß die Menschlichkeit weiter entwickelt und daß das Menschengeschlecht  heutzutage zivilisierter sei, als es das in der Vergangenheit war. Aber um meine Aufgabe gut zu machen, mußte ich meine Augen aufmachen und einen realistischen Blick auf die Welt werfen, jenseits der Beschränkung durch meine persönlichen Ideale. Betrachte beispielsweise die bedauernswerten Verhältnisse, unter denen Frauen in vielen Teilen der Welt leben. Betrachte ferner die Armut und die Krankheiten, die damit einher gehen, die kontinuierlich voranschreitende Zerstörung der Umwelt, die Ausbeutung von Kindern, die Auslöschung von Ureinwohnern - eine Liste, die endlos so weiter geht. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Länder richten, die mit materiellem Wohlstand gesegnet sind, dann finden wir Elend in anderer Form vor. Die hohe Scheidungsrate, häusliche Gewalttätigkeit, unter Depression leidende Kinder und der wachsende Einfluß von stressbedingten Krankheiten bei Menschen aller Altersgruppen sind nur einige der Symptome.

Was ist die Ursache für all dieses Elend? Die Quellen der Weisheit, von den alten Schriften bis hin zu den modernen Lehrern, erzählen uns, daß alle Probleme im Geist entstehen. Das ist immer noch richtig. Es ist offensichtlich, daß all diese Probleme das kollektive Bewußtsein der Menschheit durchdrungen haben. Es ist offensichtlich, dies sind  schwierige Zeiten. Die Menschheit scheint den Atem anzuhalten, in der Hoffnung auf einen dramatischen Wechsel, eine Veränderung, die uns aus dem Morast unserer selbst geschaffenen Probleme zieht.

Wer wird die Hauptrolle übernehmen? Religiöse Führer? Trotz ihrer guten Absichten, verursachen jene häufig mehr Streit. Politische Führer? Ihre Aufmerksamkeit ist nur auf die nächste Wahl gerichtet, das macht sie bemerkenswert kurzsichtig.

Wer bleibt übrig? Du und ich. Können wir es gemeinsam vollbringen? Natürlich. Tief unten wissen wir, daß die innere Unruhe die Wurzel all unserer Problem ist. Auch kennen wir die Ursache dieser inneren Unruhe - die Angst, die aus einem Gefühl von Einsamkeit und Entfremdung erwächst, wenn wir uns selber als isolierte Lebewesen wahrnehmen, die in einer feindseligen Welt ums Überleben kämpfen. Wenn aber unser Geist ruhig ist, dann sagt uns unser Herz, daß diese Isolation eine Illusion ist - in Wirklichkeit sind wir unentwirrbar mit jedem anderen und mit der uns nährenden Matrix der natürlichen Welt verbunden. Aber unsere mißliche Lage ist es,  daß wir nicht wissen, wie wir diese heilsame Vision mit Leben erfüllen können.

Swamiji's Worte bei unserem letzten Treffen enthalten den Schlüssel: Nimm jeweils das Beste aus dem Osten und das Beste aus dem Westen, das Beste von der Spiritualität und das Beste aus der Wissenschaft und nutze es dazu, dich selber gesünder und glücklicher, freundlicher und liebevoller zu machen. Ergreife die über die Zeiten erprobten Techniken, um zuerst eine qualitative Veränderung in dir selber zu erwirken, dann in deiner Familie und schließlich in der weiteren Welt, von der du ein Teil bist. Wir bezeichnen diese heilende Vision als "Sacred Link" (Heilige Verbindung).

Mit dem Sacred Link geht die Mission des Himalaya-Instituts in das nächste Stadium über: die Errichtung einer Plattform, auf der sich das Östliche, das Wert auf das innere Erwachen legt, mit dem Westlichen, das die materielle Welt beherrscht, vereinigt. Mit dem Sacred Link bringt das Institute das angehäufte Wissen der Menschheit aller Kulturen und aller Traditionen hervor und präsentiert es der Welt. Auf diese Weise bahnt es den Weg zu größerem Verständnis, Mitgefühl und Respekt vor allem. Aus praktischer Sicht gründet es sich auf Techniken, die jeden von uns dazu befähigen, die zugrunde liegende Einheit zu erfahren, die alles an seinem Platz hält. Sacred Link greift auf das Wissen von großen Denkern und Meistern zurück, die durch unermüdliches Studium, durch Experimente, durch Kontemplation und durch persönliche Versuche erkannt haben, daß die Harmonie der inneren und der äußeren Welt der Schlüssel zu Gesundheit, Reichtum, Frieden und Glück ist. Wir bezeichnen Sacred Link als die "Revolution im Heilen", weil es einen Prozeß der Heilung in jedem Aspekt unseres Lebens gleichzeitig in Gang bringt, in Körper, Geist und Bewußtsein einerseits und in Familie, Arbeitsplatz, Gemeinschaft, Volk und im gesamten Netz des Lebens andererseits. Sacred Link ist der Beitrag einer uralten Tradition für die moderne Welt. Wir möchten dich dazu einladen, dich uns anzuschließen und ein lebendiges Geschenk zu schaffen, das die Saat für eine friedvolle und kraftvolle Zukunft pflanzt.

 

Pandit Rajmani Tigunait, Doktor der Philosophie, das spirituelle Oberhaupt des Himalaya-Instituts, ist Swami Rama's Nachfolger. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert hält er Vorträge und  unterrichtet in der ganzen Welt, veröffentlicht regelmäßig Beiträge in der Zeitschrift Yoga International und ist Autor von elf Büchern. Pandit Tigunait hat zwei Doktortitel, einen für Sanskrit von der Universität von Allahabad und einen über Orientalische Studien von der Universität von Pennsylvania.


 

 

 

Das Geheimnis des Glücks

von Swami Rama

Jeder Mensch ist auf der Suche nach Glück. Wenn du darüber nachdenkst, dann findest du, dass dein Tun in der Welt – wie essen, heiraten, Kinder haben, sich häuslich niederlassen, mit Freunden zusammensein – nichts anderes ist, als ein Versuch um glücklich zu sein. Aber wirst du durch all das glücklich? Nein. Es gewährt dir für einen Augenblick Freude, aber kein dauerhaftes Glück. Nichts in der Welt, an dem du Vergnügen findest, ist von Dauer. Die Person, das Objekt oder die Tätigkeit, an der du dich erfreust, ist selber Gegenstand von Veränderung. Alles verändert sich – es gibt nichts und niemanden auf Erden, der nicht einem Prozess von Veränderung, Tod und Zerfall unterworfen ist. Du findest in all diesen Dingen nur kurzfristig Vergnügen und dann kehrst du zurück zu der selben Welt von Konflikten, Traurigkeit, Leid und Sorgen. Du kannst dich nicht auf derartige Formen von Glück verlassen. Sie bieten dir bestenfalls nur einen Schimmer, einen Vorgeschmack auf etwas Höheres, auf etwas, das ewig ist. Alle Menschen suchen nach dieser beständigen Form von immerwährender Freude und ewigem Glück.

Das Geheimnis, dauerhaftes Glück zu finden, besteht darin, die Absicht des Lebens zu verstehen und zu lernen, diese Absicht zu erfüllen. Im täglichen Leben machen sich die meisten Menschen nur wenige Gedanken über den Sinn des Lebens. Nur wenn sie krank sind oder wenn sie nicht all die gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens haben oder wenn ihnen ein persönliches Unglück widerfährt, dann fangen sie an, sich zu fragen, „Warum bin ich hier (auf der Welt)?",  "Was ist der Sinn meines Lebens?", "Woher komme ich?", "Wohin gehe ich?“ Das sind keine Fragen, die von der jeweiligen Kultur abhängen, es sind weder soziale noch ökonomische Fragen. Das sind angeborene Fragen, die für jedes menschliche Wesen die gleichen sind, und die sich stellen, wenn jemand anfängt, das Leben zu untersuchen.  Jeder wird früher oder später mit diesen Fragen konfrontiert. Ohne eine Antwort auf diese Fragen helfen körperliche Gesundheit, materieller Wohlstand oder menschliche Gesellschaft nicht, die Absicht des Lebens zu erfüllen. Unter der oberflächlichen Erfahrung von Vergnügungen bleibt eine Leere, ein Vakuum, ein Gefühl von Unzufriedenheit.

Beispielsweise erkennen Ehepaare häufig, daß sie immer noch unglücklich sind und nicht wissen warum, selbst dann, wenn sie schon viel hinsichtlich ihrer Suche nach Glück ausprobiert haben. Obwohl sie zusammen leben, einander lieben und dem andern gegenüber offen und aufrichtig sind und ihre Pflichten erfüllen, sind sie doch nicht völlig zufrieden. Sie erkennen nicht, daß ihre Gefühle von Unglücklichsein anhalten, solange sie sich des Sinns und der Absicht ihres Lebens nicht bewußt sind.

Wenn wir wissen, woher wir kommen und warum wir (auf die Welt) gekommen sind, dann können wir uns am Leben erfreuen, wie wir es sollten. Leben ist eine Feier: erfreue dich an ihm in seiner ganzen Fülle. Die meisten Menschen können das Leben nicht wirklich genießen, weil sie zu sehr mit ihren Ängsten beschäftigt sind. Sie sorgen sich, "Was wird passieren, wenn mir diese (oder jene) Sache weggenommen wird?", "Was wird passieren, wenn die Person, die ich liebe, stirbt?", "Was wird geschehen, wenn sich plötzlich eine Katastrophe ereignet?".

Die moderne Menschen glauben, sie seien weise, weil sie viele Wissenschaften kennen und all die Annehmlichkeiten des modernen Lebens haben, aber in ihrem Inneren sind sie einsam und ängstlich. Ihre Taschen sind voller Pillen, und ihre Wohnstätten gleichen Festungen. Sie haben riesige Schlösser an ihren Türen. Manche Leute haben sogar ihre Häuser mit Funkalarm gesichert. Wenn du unter dem Druck von Angst lebt, wie ist es dann möglich, glücklich zu sein?

Du kannst nicht am Leben Freude finden, noch kannst du es genießen, wenn du Angst hast, Dinge zu verlieren, die du besitzt, und Dinge und Erlebnisse nicht zu bekommen, die du dir wünschst. Diese Ängste unterlaufen andauernd unser Glück.

Angst ist unser ärgster Feind. Wenn es ihr erlaubt wird, sich übermäßig zu entwickeln, bedroht sie sogar unseren Sinn für Selbsterhaltung. Der Angst zu erliegen, ist wie Selbstmord zu begehen. Wie auch immer, wir Menschen haben immer Angst, und diese Angst erlaubt es uns nicht, daß wir die Vorzüge und die Freuden des Lebens in seiner ganzen Fülle genießen können. Nur wenn wir einen Zustand frei von Angst erreichen, können wir uns an all den inneren und äußeren Erfahrungen erfreuen, die das Leben uns bietet.

Ich spreche hier nicht von Furchtlosigkeit, die auf Irrationalität oder Unwissenheit beruht. (Beispielsweise habe ich einmal gesehen, wie ein Bulle einen entgegenkommenden Zug attackierte und das natürlich nicht überlebt hat.) Ich spreche hier von der Furchtlosigkeit, die dadurch erreicht werden kann, daß der Sinn und die Absicht des Lebens verstanden werden. Wir Menschen sind perfekt mit allen nötigen Mitteln ausgestattet, um diesen Zustand von Furchtlosigkeit zu erlangen. Glück, Weisheit und Erleuchtung können nur von diesem Stadium aus erreicht werden. Andernfalls ist Glück nur ein Wort, von dem du nur weißt, wie es buchstabiert wird. Du kannst nicht verstehen, was wirkliches Glück ist, wenn du nicht Befreiung von allen Ängsten erlangst.

Wie kannst du deine Angst überwinden? Schau in dich und finde sie in dir. Es ist dir nur in der Gesellschaft deines inneren Freundes möglich, deine Angst zu überwinden. Meditation ist das Mittel dazu. Sie gibt dir das, was du von keiner anderen Quelle bekommen kannst. Meditation macht dich mit dir selber bekannt. Sie erlaubt dir zu erkennen, daß Gott immer bei dir ist.

Die Menschheit hat einen enormen Fortschritt auf den Gebieten der Naturwissenschaften und der Technik gemacht. Wir haben erreicht, daß wir von der Erde zum Mond fliegen können, und wir werden eines Tages von einer Galaxie zu einer anderen reisen können – aber unsere längste Reise ist die in unser Inneres, und es ist ein ernsthaftes Anliegen, dass wir diese doch noch antreten. Um Glück in uns selbst zu erlangen und um die Erde zu einem Ort von Frieden und Glück zu machen, müssen wir die inneren Dimensionen unseres Seins entdecken. Wir müssen in uns selber nach dem Glück suchen und nicht außerhalb von uns. Wenn wir erst einmal diesen inneren Frieden und dieses innere Glück erlangt haben, dann können uns keine äußeren Umstände jemals mehr beunruhigen – selbst dann nicht, wenn wir uns in völlig verwickelten und schwierigen Situationen wiederfinden.

Durch die Praxis der Meditation können wir die Quelle des inneren Glücks erschließen. Die Meditation richtet den Geist einpunktig nach innen aus. Ein nach außen gerichteter Geist erwartet lang anhaltende Freude von kurzlebigen Dingen. Aber die Quelle für Glück kann nicht in der äußeren Welt gefunden werden. Glück kann nicht durch Sachen erlangt werden. Menschen verbringen ihr ganzes Leben damit, daß sie dieses wollen und jenes zu bekommen suchen – und wenn sie bekommen haben, was sie suchen, dann sorgen sie sich darum, dass sie es wieder verlieren könnten. Welch ein Jammer!

Das Glück liegt in dir selber, und du musst lernen, alle Dinge dazu zu benutzen und alle Mittel anzuwenden, um dieses Glück zu erlangen. Dieses innere Glück liegt in einer schlummernden Form vor; du musst dich selber entwickeln, um es zu erfahren. Deswegen musst du lernen ruhig zu sein, damit der göttliche Teil in dir sich dir zeigen kann. „Sei still und wisse ich bin Gott“. Welch eine großartige Verheißung! Dieser eine Vers aus der Bibel enthüllt die ganze Philosophie der Meditation. Sei still und wisse, du bist nicht allein und es gibt nichts, das du fürchten müßtest.

Jeder Mensch sollte lernen, ruhig und still zu sein und Gott in sich selber und den anderen zu sehen. Du bist ein Altar Gottes. Ich sollte dich lieben, weil ich Gott in dir lieben sollte. Gut ist es, die Menschen zu lieben, weil jeder einzelne ein Tempel Gottes ist. Die Menschen beten nicht die Mauern  eines Tempels an; ihre Liebe ist auf das gerichtet, was im Innern des Tempels wohnt. D.h. wen immer du auch liebst, liebe Gott in dieser Person. Und liebe Gott in dir selber. Das ist das Geheimnis, um glücklich zu sein.

 

Swami Rama, einer der größten Yogis, Lehrer und Freunde der Menschheit des zwanzigsten Jahrhunderts, ist Begründer des Himalaya-Instituts und des Magazins Yoga-International. Unter der Führung seines Lehrers, dem Weisen Bengali Baba aus dem Himalaya, bereiste er ganz Indien und die Himalaya-Region; er studierte und praktizierte mit Meistern aus vielen Traditionen.

 

 

 

 

Den folgenden Vortrag, in dem Sie eine einfache Einführung, in das, was Yoga sein kann, erhalten, habe ich so umgearbeitet, daß Sie die Übungen, die darin vorkommen, auch zu Hause allein machen können.
 

 

Yoga als Lebenskunst:
Immer einen Grund zur Freude finden!

Ein Vortrag, gehalten am 17. November 2000
von Eva Hagenmüller in Wiesbaden

 

Liebe Gäste!
Ich begrüße Sie herzlich zu dem heutigen Vortragsabend und danke den Veranstaltern für die Einladung in dieses schöne Haus!

Meinen ersten Grund zur Freude heute abend habe ich bereits gefunden: Ich freue mich, daß Sie da sind! Der „Urgrund“ meiner Freude jedoch steht auf diesem Plakat, nämlich:  „Der Sinn des Lebens ist Freude!“ Wenn ich daran nicht glauben würde, daß das so ist, wäre für mich das Leben ebenso wie meine Bemühungen, Yoga für mich in diesem Sinne zu nutzen, eine absolut sinnlose Angelegenheit. Wenn Sie sich das Leben und Treiben auf dieser Erde und auch Ihr eigenes Leben und Treiben aber mal ansehen, so können Sie mit Fug und Recht sagen: Jeder Mensch strebt danach, glücklich zu sein, d.h. jedes Wesen trägt diesen Sinn, in Glück und Freude Erfüllung zu finden, bereits als natürliches Geburtsrecht und demgemäß  als Sehnsucht – als „Sehn-Suche“ – in sich.

Da Yoga sich selbst als Hilfs- und Übungssystem Menschen anbietet, die gekonnt und erfüllt leben lernen möchten, ergibt sich mein Vortragstitel: „Yoga als Lebenskunst: Immer einen Grund zur Freude finden!“ wie von selbst.

Ich habe mir für meinen Vortrag eine ganz einfache Verfahrensweise vorgenommen: Ich werde jeden Begriff dieses Titels näher beleuchten, zu definieren suchen und Sie mit einer kleinen Übung mitten hinein in die Erfahrung dessen führen, was gemeint ist.

Der erste Begriff, der hier auftaucht ist: Yoga.

Was ist Yoga? Ich habe im Laufe meiner 20jährigen Yogapraxis und meines ebenso langen Studiums der Yogaphilosophie und Yogapsychologie immer wieder versucht, dieses wunderbare Übungs- und Selbsthilfesystem auf einen kurzen Nenner zu bringen. Einer dieser Versuche lautet folgendermaßen: 

Yoga zu üben, bedeutet, mich selbst, alle Wesen, Gott und die Welt so wahrzunehmen, wie sie wirklich – in Wahrheit – sind. Wenn mir das gelingt, mache ich die Erfahrung, daß ich ein freies, göttliches Selbst bin, geliebt und liebend, mir selbst und allen andern zur Freude geboren. Wenn ich diese Wahrnehmung – Sie hören jetzt den tiefen Sinn dieses Wortes, nämlich: „die Wahrheit nehmen“ – dann in meinem Leben, in der Welt handelnd, anwende, erlebe ich den Sinn meines Lebens: in kreativer Liebe und Freude als Mitarbeiterin Gottes auf Erden Mitschöpferin und Instrument seines liebevollen Willens zu sein. Eine solche Erfahrung ist ganz sicher ein Grund zur Freude!

Aber vielleicht klingt Ihnen das alles zu einfach – zu phantastisch? Sie wollen wissen, wie das denn nun konkret vor sich gehen soll, wie ich mit Yoga zu einer solchen Wahrnehmung kommen kann?

Das möchte ich Ihnen an einer einfachen Yogaübung verdeutlichen:
- Setzen Sie sich auf Ihren Stühlen so bequem und aufgerichtet wie möglich, stellen Sie Ihre Füße etwa hüftbreit geöffnet mit der ganzen Sohle auf den Boden und legen Sie Ihre Hände locker und entspannt bis in die Schultern auf Ihre Knie oder Oberschenkel. Schließen Sie Ihre Augen.
- Spüren Sie jetzt mit der Aufmerksamkeit Ihres Geistes Ihren Körper und machen Sie folgende Übung:
- Bewegen Sie ein wenig die Kopfhaut und alle Muskeln im Gesicht und halten dann wieder alles ganz still und entspannt...
- Das Gleiche tun sie dann nacheinander mit dem Kopf, den Schultern, Armen, Händen und Fingern, mit dem Rücken, Brustkorb und Bauch, den Beinen, Füßen und Zehen.
- Dann machen Sie sich auf den Rückweg und spüren nacheinander ohne Bewegung alle genannten Bereiche Ihres Körpers bis hinauf zum Kopf.
- Danach legen Sie sanft Ihre Hände auf den Bauch und spüren, wie der Atem in Ihrem Körper schwingt und ihn bewegt; strengen Sie sich dabei nicht an, lassen Sie Ihren Atem frei geschehen und beobachten Sie entspannt, was von selbst geschieht.
- Während Sie das alles tun, können sie ganz leicht feststellen, daß Sie zusätzlich Ihren Geist beobachten können, wie er Körper, Atem und Geist beobachtet...oder seine ganz eigenen Wege geht, seine eigenen Fragen stellt und seine eigenen Antworten findet...
- Beobachten Sie nun die Tätigkeit Ihrer fünf Sinne:
Geruch, Geschmack, Sehsinn, Tastsinn und Gehör,
indem Sie wahrnehmen, was Sie gerade riechen, schmecken, hinter den geschlossenen Lidern sehen, auf der Haut fühlen und welche Geräusche von innen und/oder außen an Ihr Ohr dringen...
- Mit dieser wachen Aufmerksamkeit auf Ihr „Instrument“, wie der Yogi seine kostbaren Erkenntnismittel Körper, Atem und Geist nennt, kommen Sie langsam nach außen zurück...

Was haben Sie wahrgenommen? 
Was ziehen Sie für Schlüsse aus Ihren Wahrnehmungen – haben Sie sich wahrgenommen, wie Sie wirklich sind? Was sind Sie denn dann in Wahrheit – Ihrer Wahrnehmung nach?
Und vor allem: Wer ist der Wahrnehmende? Wie würden Sie die Instanz in sich, diesen „inneren Zeugen“, wie die Yogis sagen, nennen?
Wir kommen später darauf zurück.

Der zweite Begriff in meinem Vortragstitel ist das Wort „Lebenskunst“. In diesem Wort stecken zwei Dinge: Leben und Kunst.

Was Leben ist, haben Sie eben bei der Beobachtung Ihres Atems erfahren: Es ist das Fließen von Energie – deshalb spricht man auch vom „Fluß des Lebens“. Das Gesetz des Lebens ist, wie der Atem Ihnen sekündlich beweist, daß man nichts festhalten kann, wenn man leben möchte: Würde man versuchen, den Atem festzuhalten, müßte man auf der Stelle sterben.

Der Begriff „Kunst“ kommt von „können“, wobei  „Kunst“ noch eine Steigerung des Könnens in Richtung Meisterschaft beinhaltet.

„Lebenskunst“ bedeutet also, bewußt und gekonnt zu leben, die Gesetze des Lebens zu verstehen und sie geschickt anzuwenden, also konkret: den Fluß des Lebens nicht durch vergeblichen, schädlichen oder gar tödlichen Widerstand zu behindern, sondern ihn zu nutzen...

„Yoga als Lebenskunst“ wäre dann die Anwendung des Yoga-Systems als Hilfs- und Übungsmittel, um in diesem Sinne gekonnt leben zu lernen.

Da wir von Freude als dem Sinn des Lebens ausgegangen sind, ergibt sich der Inhalt eines gekonnten Lebens dann von selbst: bei allem, was wir denken, planen und tun, uns auf die Seite des Lebensflusses, der lebendigen Energie, der Freude zu schlagen: Immer einen Grund zur Freude finden!

Sie werden jetzt vielleicht denken: wie um des Himmels willen soll ich denn das machen? Es gibt so viel Unerfreuliches, Trauriges und Schreckliches auf der Welt – soll ich vielleicht eine rosarote Brille aufsetzen und alles schönfärben und schönreden, verdrängen und unter den Tisch kehren, was meine Freude einschränkt?

Ich möchte statt aller möglicher Antworten, Analysen und Meinungen zu diesem Thema eine weitere Wahrnehmungsübung mit Ihnen machen:

- Setzen Sie sich wieder bequem, aufrecht und entspannt, schließen Sie Ihre Augen und sagen Sie zu sich selbst: „die Welt ist schrecklich, traurig und unerfreulich“ und nennen Sie sich selbst all die Dinge, die diese Ansicht Ihrer Meinung nach beweisen. Dann lassen Sie all diese Gedanken einfach da stehen, wo Sie sie hingestellt haben, verneinen nichts, nehmen nichts zurück, verdrängen auch nichts und denken den Satz: „Die Welt ist ein wunderschöner, herrlicher Ort, an dem ich gerne lebe“ und nennen sich dann all die Dinge, die Ihrer Meinung nach diese Ansicht belegen können. Anschließend schauen Sie sich beide Ansichten der Welt, die Sie in Ihrem Geist vorgenommen haben, innerlich an und treffen eine Entscheidung, auf welche dieser beiden Weltsichten Sie sich lieber konzentrieren, welche Seite Sie durch sich selbst lieber verstärken wollen – ohne daß Sie schon im vorhinein einer Seite den Zuschlag „wahr“ oder „falsch“ geben – also ohne die beiden Seiten zu bewerten.

Wie ist es Ihnen mit dieser Übung ergangen? Was haben Sie in sich wahrnehmen können, was ist passiert?

Diese Übung zeigt Ihnen, daß ich wählen kann, was ich denken möchte, daß ich unabhängig von den Eindrücken, die meine fünf Sinne mir ständig von den Vorgängen außerhalb von mir anbieten, diese Eindrücke  selbständig bewerten und auch entscheiden kann, worauf ich den Akzent setzen, worauf und wie ich reagieren möchte. Ich möchte hier nur an die altbekannten Beispiele von der „halbleeren“ und „halbvollen“ Flasche und an das – je nach Interessenlage – „gute“ oder „schlechte“ Wetter erinnern...

Der dritte Begriff in meinem Vortragstitel ist „immer“. Was bedeutet er für Sie und was bedeutet er hier in diesem Zusammenhang?

Vom Wortsinn her bedeutet „immer“ etwas, das nie angefangen hat, also auch nicht aufhören kann, also so etwas wie „ewig“, immerwährend, immer gültig, immer gleich, absolut. 

Um uns diesem Sinn konkret zu nähern, bitte ich Sie wieder um eine kleine Übung: setzen Sie sich bequem und aufgerichtet wie vorhin und schließen Sie Ihre Augen. Schauen Sie ganz in sich hinein und fragen Sie sich, ob es für Sie innerhalb oder außerhalb Ihrer selbst irgend etwas gibt, dem Sie das Prädikat „immerwährend“, „immer gleich“, „immer gültig“, „absolut“, „ewig“ oder „unsterblich“ geben würden.

Haben Sie etwas gefunden?
Wenn Sie nichts Immerwährendes gefunden haben, möchte ich Sie fragen, was Sie eigentlich meinen, wenn Sie „Ich“ sagen – und woran sie sich eigentlich immer wiedererkennen – trotz aller offensichtlichen Veränderungen ihres oben genannten „Instrumentes“ von Körper/Atem/Energie/Geist/Gefühlen/Gedanken/Stimmungen etc., die allesamt nichts absolut Zuverlässiges und Unveränderliches darstellen.

Liegt das nicht an der immerwährende Gleichheit des Erkennenden, des „Zeugen“ in uns...an unserer „Identität“, dem Träger unseres Bewußtseins in uns?

Der vierte Begriff in meinem Vortragstitel ist das Wort „Grund“.
Was ist ein „Grund“? Dieses Wort hat zwei Bedeutungen: Die ursprüngliche Bedeutung ist konkret: Der Grund von etwas ist die Grundlage, der  tragende Boden, die Basis von etwas. Und daraus ist die zweite, abstrakte Bedeutung des Wortes entstanden: nämlich Anlaß oder Ursache für etwas. Beide Bedeutungen sind wichtig für uns:

Wie das Leben Sie gelehrt hat, gibt es viele Anlässe, Gründe und Ursachen für Freude (und Leid natürlich auch) – wir erleben sie eher als von außen kommend – selten wird uns deutlich, daß solche Gründe auch in uns selbst liegen können. Ich behaupte hier jedoch, daß es für alle Freuden dieser Welt, mögen sie nun innere oder äußere Anlässe haben, nur einen einzigen tragenden Urgrund gibt -  und diesen möchte ich jetzt mit Ihnen gemeinsam finden in einer kleinen Übung:

Setzen Sie sich wieder gerade, geerdet und bequem, spüren Sie das Fließen Ihrer Atmung und entspannen sie Ihren ganzen Körper...etc.

Schauen Sie nun tief in Ihr Herz und Ihren Geist: Worauf vertrauen, worauf bauen Sie in Ihrem Leben, worauf können Sie sich voll verlassen; was ist Ihr tragender Grund? Lassen Sie sich Zeit, vielleicht haben Sie sich diese Frage nie zuvor gestellt und bisher immer nur Enttäuschungen registriert, weil Sie auf Dinge und Menschen vertraut haben, die dann doch Ihren Erwartungen nicht entsprachen. Aber vielleicht gibt es dahinter noch etwas anderes, in Ihnen, das, was Sie bewogen hat, trotz allem nicht den Mut zu verlieren und weiterzuleben, zu „hoffen“, wie wir sagen – worauf hat sich diese Hoffung, dieser Mut gegründet?

Jetzt kommen wir zum Kernbegriff des heutigen Abends, der Freude!
Was ist Freude?

Bevor wir uns an eine Definition machen, möchte ich Sie wieder mit einer Erfahrung konfrontieren:

- Haben Sie einen Blumenstrauß in Ihrem Zimmer? Ziehen Sie eine Blume heraus, halten Sie sie in den Händen, berühren Sie sie, riechen Sie daran und nehmen Sie sie mit allen Sinnen in voller Aufmerksamkeit und Wachheit wahr, genießen Sie sie, atmen Sie mit ihr und lassen Sie sie mindestens eine Minute lang nicht aus den Augen: Was haben Sie gesehen und erfahren?

- Haben Sie ein Stück Schokolade, eine Praline oder irgend eine andere Süßigkeit zur Hand? Nehmen Sie sie in die Hand und schließen Sie Ihre Augen, stecken Sie die Süßigkeit ganz langsam in den Mund, berühren Sie sie zuerst nur mit der Zungenspitze, umfahren Sie sie dann mit der ganzen Zunge von allen Seiten und lassen Sie sie ganz, ganz langsam auf der Zunge zergehen... 
Was haben sie geschmeckt und erfahren? Haben sie jemals zuvor solch ein Geschmackserlebnis gehabt?

- Zünden Sie nun als nächstes eine Kerze an und schauen Sie in den hellsten Punkt der Kerze, während Sie dabei aufgerichtet und bequem sitzen und entspannt Ihren Atem spüren. Nach einer Weile schließen Sie die Augen und beobachten das negative Abbild der Flamme auf Ihrer Netzhaut, das jetzt mit geschlossenen Augen immer noch sichtbar ist – wie lange? Dran bleiben! Und dabei den Atem spüren!

Was ist Freude? Haben Sie jetzt eine Idee, was allen Freude-Erfahrungen gemeinsam ist? Es ist die Konzentration auf einen Punkt! Physikalisch-energetisch ist das die Definition von Freude: die Konzentration auf einen Punkt. Erinnern Sie sich an die größten Freuden, die Sie in Ihrem Leben hatten: je ausschließlicher, je gelungener die Konzentration auf einen Punkt war, desto größer war die Freude. Eine der beliebtesten und am meisten gesuchten Freuden auf dieser Welt ist der Orgasmus – aus eben diesem Grund: da der Orgasmus ein Reflex ist, bei dem alle Energien auf allen Ebenen unseres Seins, in Körper, Atem und Geist auf einen Punkt hin zusammengezogen werden, erleben wir den Höhepunkt dieser Konzentration als Feuerwerk der Erfüllung und Lösung, als Überschreiten einer Schwelle in eine andere Dimension hinein, in eine Dimension von Einheit, Verschmelzung, tiefster Entspannung.
Der Yogi sagt sich angesichts dieser Tatsache, daß Freude in der Konzentration auf einen Punkt besteht: Laßt uns doch praktisch und ökonomisch sein: Anstatt  uns abhängig zu machen von äußeren Gelegenheiten zur Freude, üben wir uns in der Konzentration auf einen Punkt ohne ein äußeres Objekt! – Und diese Technik nennt der Yogi Meditation. Als Hilfsmittel benutzt er dazu die Konzentration auf den Atem sowie auf ein mantra (einen Klang, der innerlich wiederholt wird), von denen er sich zum Urgrund aller Freude führen läßt, zu dem inneren Zeugen, dem Träger unseres Bewußtseins, dem leuchtenden atman, dem Selbst im eigenen Innern, der – wie bildlich gesprochen gesagt wird – „in der Höhle des Herzens“ eines jeden Menschen als daumengroße Flamme wohnt, uns aber auch einhüllt wie ein Nest, eine Aura aus Licht, in der wir schwimmen wie ein Fisch im Wasser...

Wenn ich also lernen möchte, wie ich immer einen Grund zur Freude finden kann, brauche ich nichts weiter zu tun, als die Konzentration auf jenen Freude-Punkt im eigenen Herzen zu üben.

Die Fähigkeit, sich auf einen Punkt zu konzentrieren, hat, meiner Beobachtung nach, jeder Mensch: Ich erlebe, daß fast alle Menschen, die ich kenne, mich inbegriffen, mit Leichtigkeit die Konzentration auf Negatives, Trauriges und Schreckliches beherrschen. Auch erlebe ich, daß fast jeder Mensch, den ich kenne, mich ebenfalls wieder inbegriffen, die Konzentration auf äußere kompensatorische Glücksmomente beherrscht, hervorgerufen durch Konsum aller möglicher erwünschter Dinge: Essen, Rauchen, Trinken, Fernsehen, Süßes, Reisen – eben all diese „Bonbons“ für den Geist...usw., usw. – diese Konzentrationen funktionieren mehr oder weniger – alle aber nur für kurze Zeit. Danach machen sich wieder Leere, Frustration und Unzufriedenheit breit, manchmal schlimmer als vorher. Da ist es gut zu wissen, daß in jedem von uns eine Liebe, eine Freude, ein Glück wohnen, die kein Gegenteil kennen, die immer da sind, nie verloren gehen können, nicht konsumierbar sind – also niemals aufhören, unendlich und ewig sind.

Freilich muß man, um diese Freude in sich selbst zu finden, die Vorstellung aufgeben, sie außen zu suchen, und man muß sich entschließen, sie in sich selbst zu finden.

Und damit sind wir beim letzten Begriff meines Vortragstitels angelangt, dem Wort „finden“. Man muß sich nämlich entschließen, nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden. Denn auch eine noch so spirituell motivierte Suche kann erfolglos bleiben, wenn man bei der Suche bleibt –  z.B., indem man sich selbst klein und armselig macht und die Vollkommenheit in sich selbst leugnet und sie in einen mächtigen Gott, der hoch über einem steht und zu dem man – wenn überhaupt - nur durch unsägliche Anstrengungen, Askese, Übungen etc. gelangen kann, hinein projiziert.

Die ältesten erhaltenen Schriften dieser Welt, die Veden, die in Sanskrit geschrieben sind, sagen: Du bist schon vollkommen, du mußt dich nur erinnern. Und das Wort „er-innern“ sagt bereits, worum es beim Freudefinden geht – und um nichts anderes geht es auch im Yoga – : lernen, nach innen zu gehen und wahrzunehmen, daß alles, was ich an Glück, Liebe und Freude ersehne, schon da ist: Ich brauche es nur zu „verwirklichen“, d.h. aus mir heraus in die Wirklichkeit dieser dualen und vergänglichen Schöpfung hinein zu tragen und zur Wirkung zu bringen, das ist alles.

Und damit sind wir am Ende dieses Vortrages angelangt – der Rest ist Praxis! Denn Yoga ist vor allem Praxis! Die Yogaphilosophie, von der ich Ihnen hier nur ein paar Bröcklein gezeigt habe, dient eigentlich nur als Wegkarte und Kompaß – wenn sie nicht hilft, zur Praxis zu inspirieren, ist sie wertlos: Denn ans Ziel kann man nur gelangen, wen man den Weg geht, nicht, wenn man eine Wegbeschreibung studiert.

Wenn also dieser Vortrag Sie inspiriert hat, auf dem Yogaweg die Quelle und den Urgrund aller Freude zu finden, dann suchen Sie sich eine gute Yogalehrerin oder einen guten Yogalehrer und machen Sie sich auf den Weg! Dieser Weg ist weder besser noch schlechter als irgend ein anderer – er muß nur zu Ihnen passen, d.h Sie brauchen Lust und Entschlosssenheit zum Üben sowie – und das ist das Allerwichtigste - : eine klare Motivation, eine klare Vorstellung, was sie denn überhaupt wollen! Denn Sie erhalten genau das, was sie wollen! Das Universum antwortet auf genau die Energie, die Sie ausschicken: sind Sie unklar, ist das Ergebnis Ihres Übens unklar, sind Sie ambivalent, ist das, was beim Üben herauskommt ambivalent, sind Sie aber ganz eindeutig, „einpunktig“ in Ihrer Entschlossenheit, den Freudepunkt in sich zu finden, so wird dies geschehen. 

In der Bhagavadgita, einer der schönsten und wichtigsten Quellen der Yogaphilosophie, heißt es vom Yogaweg:
„Auf diesem Weg ist keine Bemühung umsonst, und es gibt keine Möglichkeit zu versagen. Schon die Übung nur eines kleinen Teils dieser Disziplin befreit von großer Gefahr und Furcht.“
(Kap. 2, Vers 40)

Ich selbst gehe diesen Weg seit 20 Jahren, und ich verdanke ihm alles, was mir wesentlich ist: Kontakt zu meinem innersten Selbst, Selbst-Wertschätzung und Selbst-Bewußtsein, Freude am Leben durch alle Krisen hindurch und meine Berufung in meinem Beruf als Yogalehrerin, vor allem aber die Erfahrung, daß trotz aller Verluste und Enttäuschungen mein unverwüstlicher Glaube an die Liebe und die Freiheit in mir gerechtfertigt sind, denn ich weiß jetzt: Diese Liebe und diese Freiheit sind in alle Ewigkeit mein göttliches Erbteil, und wenn ich möchte, daß sie auf Erden wirksam werden, muß ich sie nur aus meinem Herzen heraus in die Welt hinein und dort zur Wirkung bringen, immer wieder, so gut ich es eben kann.

Und genau dies werde ich tun bis zu meinem letzten Atemzug – und – wenn ich kann und darf – auch noch darüber hinaus.

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit!
 

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Sollten Sie Fragen haben oder über Yoga- oder andere Lebensfragen in ein Gespräch eintreten wollen, so schreiben Sie mir eine email!
 
 
 
 

 


 

 


In dem hier folgenden Vortrag finden Sie zugleich meinen heutigen inneren Standort sowie eine Darstellung meines inneren Yogaweges während der letzten 20 Jahre – und damit auch eine sehr praktische Information darüber, wie man Yoga für sich nutzen kann!
 

 

Vortrag zum 20. Geburtstag des Himalaya Institutes für Yoga-Wissenschaft und -Philosophie in Ahrensburg, gehalten am 13. Oktober 2001 
von Eva Hagenmüller, Wiesbaden

„20 Jahre Yogaweg  –  20 Jahre Geschenke des Feuers und des Lichts erkennen, auspacken und annehmen lernen“

Ich begrüße Sie alle sehr herzlich zu meinem Vortrag: „20 Jahre Yogaweg – 20 Jahre Geschenke des Feuers und des Lichts erkennen, auspacken und annehmen lernen“ und möchte Sie bitten, zunächst mit mir einen Moment der Achtsamkeit und Stille zu teilen und anschließend drei mantra mit mir zu singen, die im Folgenden von Bedeutung sein werden.

Zunächst aber bitte ich um einen Moment der Stille, der Achtsamkeit auf einen freien, entspannten Atemfluß und ein feines inneres Lächeln, das im Herzen ankommt und dort in einem einzigen Augenblick alle unsere Ebenen von Körper, Atem und Geist in einem liebevollen Bewußtsein von uns selbst zusammenbringt...

OM param atmane namah: atha
Im Namen des Höchsten Selbst beginnen wir jetzt!

Om purnam adah purnam idam 
purnat purnam udacyate 
purnasya purnam adaya 
purnam evavasisyate
OM shanti shanti shanti
(Aus: Anrufung zur Isha Upanishad)

Wörtlich übersetzt:
OM voll das – voll dies.
Aus dem Vollen kommt das Volle.
Vom Vollen das Volle genommen habend:
Voll wahrlich bleibt es.
OM Frieden Frieden Frieden.

Etwas freier:
OM Fülle dort – Fülle hier!
Aus der Fülle strömt die Fülle!
Aus der Fülle wurde die Fülle genommen –
und doch bleibt die Fülle erfüllt.
OM Frieden Frieden Frieden.

Oder:
Volle Fülle/Vollkommenheit im Einen – 
volle Fülle/Vollkommenheit im Vielen.
Aus der Fülle/Vollkommenheit des Einen strömt
Die Fülle/Vollkommenheit des Vielen.
Von der Fülle/Vollkommenheit wurde 
Die Fülle/Vollkommenheit genommen –
Und doch bleibt die Fülle/Vollkommenheit erfüllt/vollkommen.
OM Frieden Frieden Frieden

Brahmarpanam brahma havir
brahmagenau brahmana hutam
brahmaiva tena gantavyam
brahma karma samadhina
 (Aus: Bhagavadgita IV, 24)

Der Akt des Opferns ist Brahman,
die Opfergabe ist Brahman,
sie wird durch Brahman in das 
Brahmanfeuer hinein geopfert,
sie wird Brahman allein durch die Harmonie
(samadhi) der Handlungen erreichen,
die Brahman sind/ oder: vom Standpunkt
in samadhi aus gesehen, ist Brahman allein der Handelnde.

Bevor ich mit meinem Thema beginne, noch eine kurze Vorbemerkung zu meinem Erscheinungsbild: Den Payama, den ich trage, habe ich im Hospital von Dehradun, Swami Ramas letztem großen Projekt in der Region von Gharwal, gekauft. Dieses Krankenhausprojekt umfaßt ja nicht nur Betreuung und Ausbildung in allen Aspekte und Richtungen der Medizin, die es in der Welt gibt, sondern auch alle Arten von Entwicklungshilfe für alle Menschen, die dort leben, arbeiten, als Patienten oder Gäste kommen sowie auch für die Ärmsten der Armen der näheren und weiteren Umgebung des Krankenhauses und so auch für die Bergfrauen von Gharwal: das Kleid, das ich trage, wurde von einer dieser indischen Bergfrauen genäht und mir im Hospitalladen verkauft. Es hier heute zu tragen, ist ein Versuch, etwas Praktisches, liebevoll Erinnerndes an unseren großen Lehrer Sri Swami Rama mit in diesen Raum zu bringen.

Nun zu meinem Thema: eine Geburtstagsrede zum 20. Jubliläum des Himalaya Institutes in Ahrensburg. Ich habe mir gedacht: Was macht man gerne an einem Geburtstag: man versammelt seine Freunde um sich, schaut zurück, packt Geschenke aus und freut sich gemeinsam des Lebens...

Das ist genau das, was ich hier mit Ihnen machen möchte: Geschenke auspacken! Bzw. in einem Rückblick auf die letzten 20 Jahre anschauen und feststellen, daß wir eigentlich die ganze Zeit über nichts anderes gemacht haben als Geschenke auszupacken – jede(r) auf seine/ihre Weise.

Die Yogawissenschaft und –Philosophie will mir dabei als besonders effektive Methode des Auspackens der Geschenke des Lebens erscheinen – aber die Geschenke des Lebens können wir natürlich auch mit anderen Hilfsmitteln auspacken, die alle jedoch eines gemeinsam haben: Achtsamkeit und das Bemühen um die Wahrnehmung der Dinge, wie sie wirklich sind...

Aber jetzt zum Thema Geschenke auspacken.
Um mich nicht in den Tausenden und Abertausenden von Geschenke-Paketen zu verlieren, die mir die Yogawissenschaft und –Philosophie in der Lebenspraxis meiner letzten 20 Jahre zum Auspacken in Herz, Geist und Hände legte, muß ich mich beschränken: Daher die drei mantra, an denen ich mich wie an einem roten Faden entlang bewegen möchte, um mich nicht von einem Exkurs in den nächsten komplett zu verlieren.

Ich möchte hier also nicht von der Überfülle der Geschenke durch die ersten und bis heute weiter gegangenen Erfahrungen mit Hatha Yoga, den tiefen Wirkungen der Körper-, Atem- und Entspannungsübungen des Yoga auf alle meine Ebenen von Körper, Energie, Geist und Bewußtsein berichten, sondern will hier nur einige wenige ausgesuchte  Spuren von Yoga-Geschenke-Wirkungen verfolgen, deren Besonderheit es ist, daß sie sich nur sehr langsam und über lange Zeit hinweg auspacken ließen und die, so glaube ich, nicht nur für mich, sondern für uns alle von Bedeutung sind.

Und so möchte ich mit unserem ersten mantra von vorhin beginnen:
„OM param atmane namah: atha“, das auch noch einen zweiten Teil hat, nämlich: „OM param atmane namah: iti“.
Was hat es damit auf sich?

Geschenkt bekommen habe ich das mantra zu Beginn der 90er Jahre durch Rosemarie Mayeur während eines Frauen-Yoga-Seminars, und ich benutze es seither täglich viele Male. „Atha“, das wissen hier, glaube ich, die meisten, bedeutet soviel wie „Anführungszeichen unten, jetzt geht es los, nun, in diesem verheißungsvollen Moment deines Lebens, beginnt etwas Neues, bist du reif und bereit für den nächsten Schritt – oder einfach nur am Beginn einer neuen Handlung, die du – alles Vorherige bewußt abgeschlossen habend, hinter dir lassend -  deine ganze Aufmerksamkeit in diesen Moment versammelnd, beginnst.

Das gleiche mantra mit „iti“, also Anführungszeichen oben, bedeutet dann am Ende von etwas einen bewußten Abschluß, ein Loslassen, Freilassen aller Wirkungen des Handelns: „Das war’s“, „Amen“, oder, wie die Gita sagt: „Du bist berechtigt zu handeln, aber nicht die Früchte zu ernten“, ähnlich wie Patanjali vom notwendigen Wechselspiel zwischen abhyasa – Üben -  und vairagya – Loslassen, oder Freilassen, nicht mehr Erreichen- oder Kontrollierenwollen der Wirkungen von Bemühungen und Übungen spricht.

Ich habe es mir seither, also seit nunmehr 12 Jahren, zur Gewohnheit gemacht, dieses mantra zu Beginn und Ende jeder Yogastunde, auch jedes Einzelunterrichts und jeder Meditationssitzung lautlos im Geist zu erinnern zusammen mit einem mantra, das ich schon seit 20 Jahren zu diesen Anlässen benutze und das unsere Lehrer uns empfohlen hatten zum Weihen unserer Handlungen, insbesondere unseres Unterrichts, der auf diese Weise zur Opferhandlung werde: „OM guruve namah“, was soviel bedeutet wie „OM im Namen der Kraft, die aus der Dunkelheit ins Licht führt“, also im Grunde eine ähnliche Bedeutung wie das „OM param atmane namah: atha/iti“ hat, allerdints ohne die Betonung auf den Moment von Beginn und Ende durch atha und iti.

Über die Übungs-, Unterrichts- und Meditationshandlungen hinaus benutze ich die Kraft eines bewußt neu beginnenden und abschließenden atha und iti aber auch spontan, so oft ich das Gefühl habe, Klarheit, Struktur in mein Handeln bringen zu wollen und empfinde deutlich die befreiende, streßlösende Kraft, mit der ich mit Hilfe dieses mantra Altes hinter mir lassen und Neues beginnen darf.

Diese beiden Aspekte des mantra:
1. Klarheit und Struktur zu geben durch bewußtes Hinschauen auf Anfang und Ende von Handlungen, Situationen, Lebensphasen etc. und
2. die Erinnerung daran, wer handelt, wem die Handlungen und ihre Früchte gehören und mein bewußtes Einwilligen in den Verzicht auf die Früchte des Handelns, also mein Verzicht darauf, die Handlungen bis in die Wirkungen hinein verfolgen und kontrollieren zu wollen bedeutet für mich eine ungeheure Befreiung als Mensch und als Lehrerin, ja haben mir überhaupt erst ermöglicht, mein Potential als Lehrerin frei entfalten zu können.

Wieso?
Die Ausbildung, die ich hier von unseren abendländischen Erziehungssystemen in Familie, Schule, Universität und Kirche erhalten habe und die schreckliche „Einweihung“ in den Lehrberuf in meiner Referendarzeit, als unsere Ausbilder uns allen Ernstes weismachen wollten, daß wir für alles Unterrichtsgeschehen, für alle Reaktionen unserer Schüler voll verantwortlich seien – in dem Sinne, daß es also möglich sein müsse, Unterricht so perfekt zu planen und durchzuführen, daß dabei etwas Berechenbares, Kontrollierbares, ein bestimmter vorhersehbarer Erfolg herauskommen müßte – bewirkte bei mir und meinen Kollegen/Innen, daß wir uns an die Wand gestellt sahen, uns gegenüber die Ausbilder/innen, Schüler/innen und Eltern, die alle mit den Fingern auf uns zeigten und sagten, daß wir es nur „richtig“ machen müßten, daß wir das können müßten, um gute Lehrer/innen zu sein!

Was für ein Druck, was für ein Streß! Und was für eine Unmöglichkeit! Was für eine völlig unwirkliche, illusionäre Grundannahme, der Mensch könne aus Ego-Kräften, wenn er sich nur genug anstrenge, alles erreichen, was er wolle! Kein Wunder, daß mich diese Art zu leben und zu arbeiten völlig erschöpfte und sehr schnell ganz und gar nicht mehr überzeugte.

Wie heißt es in den Samkhya Karika: „Das Leiden ist die Ursache zu seiner Beseitigung“. Und genauso habe ich meinen Prozeß erlebt: Zunächst rückte ich diesem Unsinn mit schulpolitischer Arbeit, Gewerkschaftsarbeit und psychologischer Analyse zu Leibe, suchte Anstrengung mit Anstrengung zu besiegen. Die einzigen Dinge in dieser Zeit, die auflockernd und entspannend wirkten, waren Elemente aus meiner glücklichen ganzheitlichen Kindheit, in der eine tägliche Dosis von Singen, Lachen, Erzählen, körperlicher Bewegung, Kunst, Literatur, Musik, Schönheit, Aufenthalt in freier Natur selbstverständlich gewesen war. So gut ich konnte und soweit meine Zeit, Schulgesetze und Aufsichtspflichterlasse das erlaubten, brachte ich etwas davon zu meinen Kindern in die Schule und auch in mein privates Leben zurück, um jene pausenlose und einseitig intellektuelle Daueranstrengung auszubalancieren, die heute ja für die meisten Berufe noch viel gnadenloser und selbstverständlicher ist als vor 20 Jahren.

Aber klar bewußt war mir der genaue Unterschied zwischen einseitiger und ganzheitlicher Grundausrichtung im Leben und Unterrichten damals noch nicht. Als ich aber mit Yoga in Berührung kam, klärte sich alles sehr schnell, denn die Erfahrungen, was funktioniert und was nicht, waren bereits gemacht, und meine Sehnsucht nach dem, was ich im Herzen fühlte, hatte mich geraden Weges aus der Lebensschule von Schuld, Scham und Anstrengung ohne Ende und ohne Hoffnung in den Yoga geführt, der mich mit seinen Geschenken des Lichts sofort entlastete von der unmöglichen Aufgabe, mit einem begrenzten Ego Dinge zu leisten, die nur eine alles überschauende, alles vereinende und vereinbarende Kraft vermag.

Swami Rama sagte – wie wir es auch aus der Bhagavadgita kennen: „Wenn das Ego den Raum betritt, fliegt der Lehrer zum Fenster hinaus!“ Diese Worte bedeuteten für mich: Wenn du Lehrer sein willst, sieh zu, ob du bereit bist zu sein, was du in Wahrheit bist: Instrument für das Große Eine in dir und außerhalb von dir, das deine begrenzten Handlungen, begangen aus sehr begrenzten Sichtweisen und Möglichkeiten an sein Herz nimmt und daraus macht, was es will: Laß also die Wirkungen deines Handelns frei, trenne dich so von Erfolg und Mißerfolg, vertraue und weihe deine Handlungen dem Höchsten Einen und sei frei, erinnere dich auf diese Weise an das Göttliche Selbst, das du bist und bescheide dich vertrauensvoll, daß es in Ordnung ist, dein Bestes zu tun und den Rest einer Kraft zu überlassen, die den kompletten Überblick hat, der dir fehlt!

Was für eine Entlastung! Was für ein Riesengeschenk! Mein Leben und mein Beruf wurden wieder lebbar! Lebensfreude statt ständig empfundener Scham und Schuld wegen ständig empfundener Unvollkommenheit wurden wieder möglich – zumindest gelegentlich – denn denken Sie bitte nicht, daß es mir gleich, vor 20 Jahren schon, möglich gewesen wäre, das Geschenk dieses mantra und aller seiner Implikationen völlständig auszupacken – sprich komplett zu realisieren und zu praktizieren! Nein, im Prozeß, dieses mantra-Geschenk ganz auszupacken, bin ich bis heute, denn alle Geschenke des Lichts müssen wohl durch das Feuer der Praxis des Erdenlebens mit seinen Herausforderungen und Widersprüchen, durch karmische Bindungen und Ego-Eigenwillen gebracht werden, und dabei erst werden sie wirklich ausgepackt – und, was noch viel schwieriger ist: langsam annehmbar und schließlich, wenn das Ego endlich kapituliert -  ganz und vollständig auf allen Ebenen angenommen!

Aber auch ohne bereits diesen idealen Zustand erreicht zu haben, beflügelt von der Sehnsucht meines Herzens und meines Geistes, in denen das Licht der Möglichkeit dieses Geschenkes leuchtete, unterrichtete ich als Yogalehrerin in diesem Sinne von Anfang an und dadurch lernte ich es, und heute gelingt es mir tatsächlich bisweilen, den ersehnten Gleichmut aufzubringen, wenn ich sehe, daß ich die Wirkungen meiner Worte, einmal dem Gehege meiner Zähne entflohen, nicht mehr kontrollieren, nicht mehr klären kann, was ich eigentlich meinte, sondern den Menschen ihre Interpretationen und Projektionen lassen muß, so wie sie sie jetzt wollen und brauchen, keine Fragen mehr an mich haben und unerreichbar für mich bleiben...glauben Sie mir, für eine Lehrerin, die natürlicherweise auf Kontakt, Austausch und Offenheit in der Kommunikation mit dem Ziel der Verständigung aus ist, gibt es nichts Schlimmeres als das... – und dennoch muß es um der Liebe und der Freiheit willen akzeptiert werden!
Sie sehen und erleben es sicher ähnlich wie ich, wie schön und leicht es ist, ein Geschenk des Lichtes in Herz und Geist zu erkennen und aufzunehmen, es dort voller Eifer und Sehnsucht nach Befreiung auszupacken. Im Feuer der Praxis, der Prüfungen, Aufgaben, Widersprüche des Lebens und der eigenen Persönlichkeit und vor allem im Kampf mit dem eigenen Ego kann es jedoch oft lange dauern, bis ein Geschenk ganz ausgepackt und angenommen werden kann, so daß es voll auf allen Ebenen des eigenen Seins ankommt. Und dann erst erhalten die Geschenke ihre volle Wirkung auf der Erde: sie „ver-wirklichen“ sich. 

Doch nun zum zweiten mantra, meinem Lieblingsmantra aus meiner Lieblings-Upanischad: die Anrufung zur Isha Upanishad, die die meisten hier wahrscheinlich kennen, weil sie zu den Morgenmantra des Himalaya Institutes gehört:

Om purnam adah purnam idam 
purnat purnam udacyate 
purnasya purnam adaya 
purnam evavasisyate
OM shanti shanti shanti

Vollkommenheit im Einen – 
Vollkommenheit im Vielen.
Aus der Vollkommenheit des Einen strömt
die Vollkommenheit des Vielen.
Von der Vollkommenheit wurde 
die Vollkommenheit genommen –
und doch bleibt die Vollkommenheit vollkommen.
OM Frieden Frieden Frieden

Für mich enthält dieses mantra die Summe, die Quintessenz des Advaita Vedanta, der Philosophie der Upanischaden, der Philosophie der Einheit, die die Philosophie meines Herzens ist. 

Interessant ist der Begriff purna, der, wie Sie aus den verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten gesehen haben, sowohl Vollsein bzw. Fülle als auch Vollkommenheit bedeuten kann: Hier, in diesem Wort, das den uranfänglichen Zustand eines ewigen ursprünglichen absoluten Seins bezeichnet, sind offenbar Quantität und Qualität noch nicht geschiedene Konzepte; die Spaltung, die wir im Geist haben und haben müssen als Teil einer dualen Welt, ist hier noch nicht vollzogen worden: Die Fülle der Möglichkeiten zu haben, ist  Vollkommenheit. Das Viele ist genauso vollkommen wie das Eine, das das Viele enthält und hervorbringt, daher kann auch die Manifestation eines Teils des Vielen – z.B. ein menschliches Individuum -  nicht unvollkommen sein – eigentlich logisch und doch offenbar auf der psychischen Ebene, auf der wir unsere Geteiltheit und Abgesondertheit  als Unvollkommenheit erfahren, nicht wirklich nachvollziehbar, selbst dann nicht , wenn wir das Konzept des Advaita Vedanta im Geist akzeptieren und seine Wahrheit wiedererkennen, weil sie uns als ewige Sehnsucht, nach Hause zurückzukehren, ins Herz gepflanzt ist.

Im symbolischen Zeichen für unser mantra: O sieht alles ganz einfach aus, - aber so zu leben, im vollen Bewußtsein, ein vollkommenes Göttliches Selbst zu sein, das sich entschieden hat, für ein bzw. viele Erdenleben freiwillig ganz bestimmte, einmalige Beschränkungen, Unwissenheiten oder  „Verbergungen“ auf sich zu nehmen, damit eben dieses Selbst ganz bestimmte Erfahrungen machen kann, die sonst nicht möglich  wären  - das ist erheblich schwieriger – erleben wir uns doch in einer psychisch völlig unbegreiflichen Doppelheit, finden uns wieder in einer wahrhaft mystischen Situation, sind uns selbst ein „offenbares Geheimnis“, wie Goethe das nennt, nämlich ein unendliches unsterbliches Selbst mit lauter vergänglichen Hüllen drum herum, die so dicht und dunkel werden können, daß wir uns in Schuld, Scham und Anstrengung  so völlig verlieren können, daß wir das Licht darunter nicht mehr sehen können... Eine Offenbarung zu entziffern aber geht über allen Verstand, über alles Begreifen hinaus, ist nur noch der praktischen subjektiven Erfahrung erreichbar.

Dieses Geschenk, das in der Offenbarung dieses mantra steckt, in diesem Leben ganz auszupacken, ist mein Herzenswunsch. Aber obgleich mich die angeborene Sehnsucht, das EINE in ALLEM zu sehen, schon vor meiner Begegnung mit Vedanta unbewußt immer zu Lehrern und Schriften hinzog, die von dieser Einheit zeugten, war die praktische Annäherung an das Innere dieses Geschenkes viel langwieriger und schwieriger als das geistige Aufnehmen der Botschaft: „Du bist vollkommen: denn das EINE Vollkommene, aus dem die Welt und alles andere und auch du selbst hervorgegangen sind, kann naturgemäß nichts Unvollkommenes hervorbringen – erlebst du aber etwas anderes, so lebst du in der Illusion, in der Unwahrheit und Unwirklichkeit!“ 

Die Erkenntnis, daß diese Botschaft die Wahrheit enthält, konnte sofort in meinem Herzen ankommen, das Geschenk des Lichtes dieser Botschaft wurde sofort realisiert; aber auch hier dauert das gänzliche Auspacken des Geschenkes weiter an unter dem Feuer des Leidens an dem ganz anderen Paradigma unserer Welt und das heißt auch an unseren unbewußten spirituellen Mustern des sogenannten christlichen Abendlandes. Denn was wir hier gelernt haben, lautet für die meisten von uns mehr oder weniger so: „Du bist auf die Erde gekommen in Sünde (d.h. gesondert, getrennt vom Vollkommenen Guten und EINEN), d.h. du lebst hier in Schuld, Scham und Strafe, deine Aufgabe ist es, zu bereuen und zu büßen, dich ungeheuer anzustrengen, um die Gnade der Vergebung zu erlangen – die aber unsicher bleibt – denn du bist und bleibst auf Erden unvollkommen, da beladen mit der Erbsünde. Auch wenn du dich ordentlich anstrengst und gute Werke tust, kannst du nur vielleicht die Gnade der Vergebung erlangen.“

Dieses Paradigma, dieser Mythos von Sisyphus, von Sünde, Schuld und Scham und Anstrengung, beherrscht – man kann es kaum glauben – noch 2000 Jahre nach der befreienden Botschaft eines Jesus Christus, die wir bis heute nicht auszupacken und anzunehmen verstanden haben, die ganze kapitalistische Welt: ein Mythos voll unsäglicher Anstrengung, voll Leid und Druck, voller Arbeit und Qual ohne Ende  - die Phantasie eines sich allmächtig wähnenden Egos, das sich dann aber auch hoffnungslos voll verantwortlich sieht – so, als wäre es Gott... und sich dadurch selbst zu ewiger Höllenqual verdammt...

Hier hat sich tapas – das ursprünglich als Einsatz von Bemühung und Selbstdisziplin im Rahmen eines individuellen Befreiungsprozesses, eines spirituellen Weges gedacht war, völlig verselbständigt, ist nicht mehr eingebunden in die Lehre von der ursprünglichen Unversehrtheit und Vollkommenheit des EINEN und des Vielen, d.h. auch aller Einzelteile – und damit auch aller tapas-Bemühungen.

Ich sehe seit 20 Jahren bei mir und den meisten anderen Weg-Gefährten und Gefährtinnen, daß dieses unbewußte psychische Muster unserer kulturellen Herkunft auch unsere Art und Weise bestimmt, den Yoga zu ergreifen und unser sadhana zu praktizieren, also unseren spirituellen Weg zu gehen: angestrengt bis zur Erschöpfung, immer bereit zu Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen und keineswegs getragen vom Bewußtsein, ein herrliches, Göttliches Selbst zu sein, ewig frei, ewig weise, ewig rein...d.h. es mangelt uns ganz erheblich am Natürlichsten, das ein Mensch mitbringt, wenn er auf die Welt kommt: an Selbst-Bewußtsein, an Selbst-Wertschätzung! Es wurde uns systematisch abtrainiert und durch das oben erläuterte Paradigma unserer Kultur – ober besser Unkultur – von Schuld, Scham und Unvollkommenheit ersetzt, um eine Anstrengungs- und Leistungsbereitschaft zu erzeugen, die verhindert, daß jede(r) Einzelne ganz natürlich das Recht realisiert, seine eigenen Möglichkeiten, sprich seine Vollkommenheit zu entfalten, er/sie selbst zu sein.

Swami Rama hat geschrieben und gesagt, daß der Mensch das einzige Wesen sei, das sich selbst zu vervollkommnen habe. Das kann mißverstanden werden im oben beschriebenen schlechten abendländischen Sinne – der ja ebenfalls auf einem Mißverständnis  - oder besser Nicht-Verstehen der christlichen Botschaft beruht. Wie Swami Rama es aber gemeint hat, steht auf S. 137, im letzten Kapitel von „Ganzheitlich leben“, dem Buch, das ich vor 20 Jahren übersetzt habe und das bewirkt hat, daß ich nach Ahrensburg ging, um Yogaschülerin zu werden: 

„Die Menschen begreifen nicht, daß sie ganz und vollständig sind. Sie sind in Zweifel über ihre eigene Existenz, aber sie möchten gerne an die Existenz von etwas glauben, was sie weder wahrgenommen, noch gefühlt, noch gesehen haben. Sie sollten lernen, zuerst an ihre eigene Existenz zu glauben, sie zu schätzen und zu bewundern. Das ist es, was die Existenz Gottes beweist.

Jeder von uns ist ein Teil der Ewigkeit. Wenn Gott allgegenwärtig ist, dann ist er auch in uns. An dem Tag, an dem wir begreifen lernen, daß all unsere Grenzen durch mangelnde Selbsterkenntnis, Gedankenlosigkeit und Selbstsucht geschaffen worden sind, an dem Tag können wir sie durchbrechen und erleuchtet werden.

Mein Lehrer pflegte zu sagen: ‚Du bist schon Gott. Also versuche nicht, Gott zu kennen. Der göttliche Teil ist schon da, er ist in dir. Alles, was du zu tun hast, ist, ganz Mensch zu werden, so daß die Realität, die wir Gott nennen, frei und spontan fließen kann.“

Also:
Das Auspacken der Geschenke dieses wunderbaren mantra von der Vollkommenheit des EINEN und des Vielen führte mich zum kompletten Paradigmenwechsel: anstatt mit nie endender Anstrengung und Arbeit aus menschlicher Unvollkommenheit zur höchstmöglichen yogischen Vollkommenheit, zur Erleuchtung, gelangen zu wollen – nach dem sehr deutschen Motto: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ – heißt es nun: Du bist schon vollkommen, du mußt, ja du kannst gar nichts tun, um noch vollkommener zu werden, du brauchst dich bloß zu erinnern, wer du bist, und schon bist du da. Die Arbeit, die du als Mensch auf Erden hast, ist von ganz anderer Art: nämlich diese Erinnerung an deine Vollkommenheit umzusetzen in deine Lebenspraxis, in liebevollen, entspannten Umgang mit dir selbst und anderen und vor allem: in Glück und Lebensfreude, hervorgerufen durch freies Entfalten deines schöpferischen Potentials, das keinen Wettbewerb und keine Rechtfertigung braucht, weil es auf wahrem Selbst-Bewußtsein und Selbst-Wertschätzung beruht.

Swami Rama ließ in einem der kleinen Häuser auf dem Areal des Hospitals in Dehradun, in dem die Arbeit und das Konzept dieses großen Projekts dargestellt werden, auf einen großen schwarzen Wandteppich mit goldenen Buchstaben schreiben: 

„To serve others is the greatest worship,
Self-esteem ist the greatest wealth.“
Auf deutsch: 
„ Anderen zu dienen, ist die höchste Form der Anbetung,
Selbst-Wertschätzung ist das höchste Gut (oder: der größte Schatz).“

Auch in diesem Zitat wird deutlich: das Tun ist dem Sein, der Anbetung, der Selbst-Wertschätzung, sprich der Erinnerung an das, was wir in Wahrheit sind, deutlich untergeordnet.

Das alles „weiß“ ich schon seit 20 Jahren – und Sie alle wahrscheinlich auch – oder? Aber die Bereitschaft, alle Anstrengung loszulassen und wirklich darauf zu vertrauen, daß ich in Ordnung bin, wie ich bin, die Welt in Ordnung ist, wie sie ist, das kann, so habe ich erfahren, nicht als Willensakt eines ewig kritischen, also ewig zweifelnden, auf Kontrolle bedachten Ego stattfinden: Loslassen kann nicht gewollt, nicht getan, nicht „geleistet“ werden: es wird geschenkt, es geschieht einfach, als Akt der Gnade, bei dem ich bloß Zuschauer bin – allerdings eine hingegeben Wünschende in Bereitschaft, sozusagen „in Empfangsstellung“ – dies scheint zu genügen!

Und so erlebe ich erst jetzt, daß sich der schon seit 20 Jahren im Geist erfaßte und bewußt gewünschte Paradigmenwechsel vom Tun zum Sein allmählich auch tatsächlich und praktisch in mir und an mir zu vollziehen beginnt – abermals nach einer lange und tiefen inneren Krise, also nach einem weiteren Gang durch das Feuer, so wie ich das auch vor meiner Begegnung mit Yoga erlebt habe: Erst das auf die äußerste Spitze getriebene Leiden am eigenen Ego und seinen quälenden Kontrollmechanismen machte mich jeweils bereit, ein Loszulassen zu erlauben...

Ich erlebte dieses Loslassen, das ich in den letzten Jahren in mir beobachtet habe, zunächst als eine Art Tod: Meine lebenslange geliebte Begleiterin, die Sehnsucht, war plötzlich weg, mit ihr die Begeisterung, mein zielorientierter Idealismus und alle mir vertrauten damit verbundenen psychischen Muster und Lebensantriebe, und ich dachte, ich müsse nun tatsächlich, also auch körperlich, sterben, so groß war die falsche Identifikation (asmita) damit gewesen und so groß nun der  Schock über die Sinnlosigkeit dieses Festhaltens an dem lebenslangen Muster von Schuld, Scham, Angst und Anstrengung. Aber merkwürdigerweise starb ich, wie Sie sehen, dann doch nicht, sondern es begann ein unmerklicher Umfühlungs- und Umbewertungsprozeß, bei dem ich allmählich herausfand, daß mir mein größter Wunsch erfüllt worden war: die Freiheit, ich selbst zu sein, dämmerte herauf. Mit dieser Erkenntnis kehrten schlagartig Lebensmut und -Freude zurück, allerdings eine stillere Art der Freude als die, die dem Schmerz gegenübersteht, eine Freude, unterlegt durch eine Art Grund-Trauer als der Bereitschaft, die Dinge von jetzt ab so zu sehen, wie sie wirklich sind – ohne weitere Bildung von Illusionen, die das Leben erträglicher machen sollen – und das dann doch nicht tun, da sie unausweichlich irgendwann in Desillusionierung, in „Ent-Täuschung“ münden müssen...

Zugleich empfinde ich eine unendliche Dankbarkeit für die Liebe und Führung durch Swami Rama und unsere Tradition. Vor nunmehr 16 Jahren hatte mich Swami Rama in Mauritius gefragt, was ich denn eigentlich von ihm wolle, und ich hatte geantwortet: „I want to learn to rely on myself“. Was ich damit meinte, war: Ich möchte lernen, auf mich selbst zu bauen, unabhängig zu sein, die volle Verantwortung für mich zu übernehmen. Und er hatte geantwortet: „Yes, that we can do...“ – Und er hat Wort gehalten! Durch den Prozeß des Yoga, durch all die Geschenke des Lichtes, die vertieft und geprüft wurden durch das Feuer des Leidens am Eigen-Willen, lernte ich, daß die Kinder Gottes keine Schuld kennen, sondern daß dieses Konzept der Schuld von uns Menschen gemacht wird und so das sogenannte „Böse“ erst – als Illusion –  hervorbringt: in Form all der Bewertungen, mit denen wir einander das Leben so schwer machen. Das Ego aber braucht das Konzept der Schuld – das weiß es – und deshalb, weil es überleben will, kann man mit dem Intellekt und dem Willen allein dieses Konzept nicht fallen lassen, selbst dann nicht, wenn buddhi, die Kraft der Unterscheidung zwischen Wahrheit und Unwirklichkeit das schon lange möchte: das kann nur die Gnade des Selbst allein, der wir uns aber hinhalten dürfen, immer und immer wieder – bis es endlich – von selbst geschieht...

Die Praxis des Sich-Hinhaltens für eine Berührung durch die Gnade sind für die meisten von uns wahrscheinlich die Meditation, japa mantra oder andere spirituelle Übungen. Aber obgleich ich aus Gewohnheit, die sich bewährt hat, aus Dankbarkeit und Überzeugung über mein persönliches mantra hinaus bei vielen Praktiken und Übungen geblieben bin, die mir die Tradition geschenkt hat und die ich in ständig neuer Selbst-Überprüfung an meine jeweils aktuellen Lebenssituationen anpaßte, habe ich nun mehr und mehr den Eindruck, daß ich Grunde genommen gar nichts weiter tun muß, als mich der Wahrheit, der Liebe, dem großen EINEN einfach nur hinzuhalten, so wie Krishna das am Ende der Bhagavadgita. Kap. XVIII, Vers 64 - 66 anbietet:

„Höre weiter mein letztes Wort, das höchste Geheimnis von allen: du bist ganz entschieden Mein Liebling; deshalb werde Ich dir sagen, was gut für dich ist.

Laß deinen Geist in Mir ruhen; sei Mir ergeben, opfere Mir, verehre Mich, du wirst wahrlich nur zu Mir kommen. Ich verspreche es dir, denn Ich habe dich sehr lieb.

Gib alles tugendhafte Handeln auf, komm und nimm allein in Mir Zuflucht; Ich werde dich von allem Übel befreien, traure nicht.“

Der Weg zur Annahme des Geschenkes dieser Verse und zur Bereitschaft, ‚alles tugendhafte Handeln aufzugeben‘, führte mich aber paradoxer- und doch logischerweise über eben diese endlosen Bemühungen und Anstrengungen, „besser“ zu werden, denn man kann offensichtlich das Tun nur aufgeben, wenn man genug getan hat – wobei „genug“ natürlich eine völlig subjektive Größe bleibt...

Und genau diesen Weg vom Tun zum Sein beschreibt die gesamte Bhagavadgita in immer neuen Angeboten: was man tun, wie man tun, wann man tun kann, wie man im Handeln das Nicht-Handeln sehen kann und umgekehrt, wie keine Bemühung umsonst ist und Krishna jede Art von Tun, das ihm geweiht wird, bereitwillig annimmt, ja  dem/der Suchenden genau auf dem Weg entgegengeht, den er/sie auf ihn zu gewählt hat – bis er schlußendlich, wie hier zitiert, anbietet, gar nichts mehr zu tun, sondern sich statt dessen einfach hinzugeben...

Es ist also am Ende alles recht, alles in Ordnung – ich bin okay, du bist okay! Oder in Sanskrit: „So ham“ – „ich bin Das“ und „tat twam asi“ – „du bist Das “, d.h. wir beide sind in unserer Herkunft aus der großen Einen Vollkommenheit verbunden und eins!

Das Selbstbewußtsein, von dem ich hier spreche und das durch den beschriebenen Paradigmenwechsel zum Vorschein kommt, hat nichts, aber auch gar nichts zu tun mit jenem Egoismus, den wir in unseren Breiten lernen, jenem falschen, unter der kleinsten Kritik zusammenbrechenden Selbstbewußtsein, das sich krümmt unter der Meinung und Bewertung anderer und von äußerem Erfolg und Mißerfolg abhängig ist, von der Anerkennung jener Instanzen, deren Bewertungskriterien gerade die Macht haben – oder denen wir in uns die Macht geben – von unserer Fähigkeit uns „durchzusetzen“ und gleich, mit welchen Mitteln, den in uns oder außerhalb von uns gesetzten Autoritäten zu entsprechen oder selbst eine solche Autorität zu werden.

Jenes andere Selbst-Bewußtsein, das sich auf die Erfahrung gründet, daß ich ein herrliches, unsterbliches Göttliches Selbst bin, das sich für dieses Erdenleben einen Raumanzug namens Eva erschaffen hat, um diesen alsbald wieder abzulegen, wenn er seine Dienste als Instrument der Seele, die ihre Erfahrungen machen will, als Vehikel, um zurück nach Hause zu gelangen, getan hat, - jenes andere Selbst-Bewußtsein weiß, während es über sein Instrument lebt, atmet, denkt, fühlt, spricht, will und handelt, daß es zwar im Moment in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt ist.

Und damit bin ich beim dritten mantra, von dessen Geschenken ich hier sprechen will, angekommen. Ich fand es in großen Buchstaben an die Wand des Speisesaales in Swami Ramas Ashram in Rishikesh geschrieben:

Brahmarpanam brahma havir
brahmagenau brahmana hutam
brahmaiva tena gantavyam
brahma karma samadhina
 (Aus: Bhagavadgita IV, 24)

Der Akt des Opferns ist Brahman,
die Opfergabe ist Brahman,
sie wird durch Brahman in das 
Brahmanfeuer hinein geopfert,
sie wird Brahman allein durch die Harmonie
(samadhi) der Handlungen erreichen,
die Brahman sind/ oder: vom Standpunkt
in samadhi aus gesehen ist Brahman allein der Handelnde.

In meinen zahlreichen Gita-Ausbildungsseminaren und anderen Gita-Gruppen gab es immer wieder Auseinandersetzungen um den Begriff des „Opfers“. Es wurde zumeist als Zumutung empfunden, daß ich die Früchte meines Handelns „opfern“ soll, wie es hieß, als fremd, fromm, asketisch, Lebenslust verneinend und dergleichen. Durch diese Gespräche kam ich erst darauf, hier nachzuforschen und habe mir dann durch die Gita-Unterweisungen von Swami Rama und Swami Veda allmählich einen Reim darauf machen können, was es mit diesem „Opfern“ eigentlich in Wahrheit auf sich hat und wie ich jene für uns so schwierigen Verse in Kapitel III, Vers 9 – 12 verstehen kann:

„Diese Welt ist die Ursache für die Fesselung durch das karma; ausgenommen sind nur die Handlungen, die als Opfer dargebracht werden. Deshalb, o Sohn der Kunti, vollbringe alle deine Handlungen als Opfer und verhalte dich so, daß du nicht an den Dingen und Handlungen haftest, sondern frei und interesselos bleibst.

Im Anfang, nachdem er alle Wesen zusammen mit dem Opfer geschaffen hatte, ermahnte sie der Schöpfer: Vermehrt euch durch dieses Opfer. Möge das Opfer der Träger der Erfüllung eurer Wünsche sein.

Nährt und unterhaltet die Götter durch das Opfer, und mögen jene Götter euch nähren. Wenn ihr euch gegenseitig nährt, werdet ihr beide die höchste Glückseligkeit erlangen.“

Die Götter, die durch das Opfer gefördert und geehrt werden, werden euch die ersehnten Freuden bringen. Wer diese von den Göttern geschenkten Freuden genießt, ohne sie ihnen wiederum als Opfer darzubringen, der ist ein bloßer Dieb.“

Also:
In alten Zeiten wußten die Menschen noch, daß die „Götter“ ihre eigenen psychischen Kräfte darstellten, auf einer überpersönlichen Ebene, sozusagen als „Archetypen der Seele“, und so opferten sie ihnen in bewußten Ritualen, um von ihnen bestimmte „Geschenke“ als Früchte ihrer Handlungen zu erhalten. Sie wußten, daß sie den Göttern dafür auch etwas geben mußten, weil die gesamte Schöpfung auf dem richtigen, d.h. ausgewogenen Geben und Nehmen beruht.

Heute rufen die Menschen unbewußt auch die „Götter“ an, indem sie durch ihr Denken, Wollen, Fühlen, Sprechen und Handeln die entsprechenden Kräfte in sich aufrufen. Aber sie wollen heute die Früchte ihres Handeln für sich behalten, deshalb leugnen sie – zumindest auf der Ebene ihres wachbewußten Verstandesdenkens – die Götter und denken, es seien ihre eigenen Kräfte (also die des Egos) und ihre eigenen Handlungen, also auch ihre Früchte. Dadurch „stehlen“ sie den Göttern die Früchte der Handlungen, sprich: sie vergessen, verbergen vor sich selbst den wahren Zusammenhang der Dinge - d.h. sie bestehlen im Grunde sich selbst und die Kraft ihrer Handlungen, wenn sie nicht auf irgendeine Weise deren Früchte, also die Geschenke der Götter, diesen wiederum zurückgeben oder „opfern“.

(Ich bin sicher, Sie werden dieser Interpretation zustimmen, wenn Sie sich den Zustand der Erde, der Gesellschaften und der Menschen, inklusive unserer selbst, anschauen, wie sie heute sind.)

Solch ein „Opfer“ der Früchte meiner Handlungen kann auf einfachste Weise darin liegen, daß ich meine Handlungen sorgfältig, liebevoll und bewußt ausführe, mit jener auf der Wahrnehmung der Dinge, wie sie wirklich sind, beruhenden Achtsamkeit, die wir in allen Yoga-Übungen nutzen, ganz gleich, worauf wir sie richten: auf Körper, Atem, Geist, Sinneswahrnehmungen usw. und sie so dem Höchsten Sein in mir und außerhalb von mir darbringen.

Sie sehen, alle drei mantra kreisen im Grunde genommen um ein- und dieselbe Botschaft; alle drei mantra bieten in verschiedener Verpackung, passend für verschiedene Situationen des täglichen Lebens das gleiche Geschenk dar. Und auch hier, wie bei den anderen beiden mantra, bin ich noch immer im Prozeß des Auspackens:

Mit diesem mantra, das ich immer vor oder beim Essen benutze, erlebe ich in zwischen sehr bewußt und real die Tatsache, daß die Qualität und Bekömmlichkeit meiner Nahrung entscheidend beeinflußt wird durch die Schwingung, die ich gerade habe oder die meine Umgebung oder die Nahrung selbst hat. Und wenn ich im mantra-Klang schwinge, wenn ich esse, muß die Nahrung zwangsläufig mitschwingen...

Mir wird durch diese Praxis immer klarer, wie tief materiell wirksam das ist, wenn ich übe, wenn ich meditiere: ich trage ein Quäntchen Frieden, ein Gran Stille zur Gesamtschwingung des Universums bei, Erinnerung an die Einheit aller Wesen, an die Liebe, die uns verbindet, auch wenn wir sie vergessen haben und nicht zu praktizieren vermögen im alltäglichen Leben.

Ich weiß jetzt, daß es in Ordnung ist, was immer ich tun und beitragen kann zum Großen Ganzen, auch wenn es notwendigerweise vom irdischen Blickwinkel aus evahaft beschränkt bleiben muß. Durch die Hingabe meiner Handlungen an das EINE, das uns alle hervorgebracht hat und uns verbindet, habe ich, wie jedes andere Wesen auch, dennoch eine Wirkung auf das Ganze. Und um es noch einmal ganz klar zu sagen: gerade dadurch, daß ich das Ichhafte meiner Handlungen - also in meinem Falle das Evahafte – zwar voller Freude und Dankbarkeit kreativ nutze und genieße, aber dennoch hingebe an das Große Ganze, mit dem es lustvoll oder nüchtern, in Ekstase oder unspektakulär, je nach Temperament – verschmilzt und in ihm untergeht, behalte ich meine Kräfte, meine Freiheit und meine Unschuld, in jedem Augenblick neu zu handeln, während dem Höchsten Selbst allein mit meinem vollen Einverständnis der Überblick über das Ganze und die volle Verantwortung für den mir verborgenem Sinn verbleibt.

Fazit:
Die Geschenke des Lichtes im Geist  zu erkennen, scheint nicht so schwierig zu sein, wohl aber, diese Geschenke mit Liebe und Geduld, ehrlich und gründlich immer wieder und immer weiter auszupacken, indem ich sie durch das brennende Feuer meines Egos, meines karma und meiner dunklen Nächte der Seele trage, wobei ich vor allen diesen Werkzeugen meiner spirituellen Entwicklung große Ehrfurcht bekommen habe und nichts „Negatives“ mehr darin erblicken kann – so wie überhaupt die Bewertungen „gut“ und „schlecht“, „positiv“ und „negativ“ für mich nicht mehr so viel Sinn machen, da offensichtlich
Gerade das Schwierige und Leidvolle für mich so viel segensreiche Wirkungen gehabt hat: bringe ich doch die Geschenke des Lichtes erst durch diese „Feuerläufe“ vom Himmel auf die Erde herunter und erlaube ihnen so erst, in mir und außerhalb von mir wahrhaft „wirklich“, weil wirksam, zu werden: so erst werden sie „verwirklicht“. Das Schwerste und zugleich Schönste aber am Prozeß des Auspackens der erhaltenen Geschenke erscheint mir das Dritte, das ich im Titel nannte: sie anzunehmen. Erst da, wo ich alles annehmen kann, wie es ist, verschwindet der Widerstand, die Kritik, die Zweifel, der Eigenwillen – eben das quälend „Gesonderte“, Besondere  des Egos,  von „Eva“ eben...und dann ist endlich alles gut.

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Ich möchte schließen mit dem Ausdruck großer Dankbarkeit gegenüber der Tradition unserer Schule, gegenüber Swami Rama, der mir Führung, Rat und Hilfe gibt bis heute und gegenüber Swami Veda, von dem ich auf einzigartige ganzheitliche Weise einige mir erreichbaren Aspekte der Yogaphilosphie erlernen durfte. Ganz besonders möchte ich diesem deutschen Himalaya Institut danken, das Wolfgang Bischoff hier seit 20 Jahren führt und ohne das ich heute ganz gewiß nicht an einem Punkt meiner Entwicklung stünde, an dem ich gerne stehe und mich darauf freue, die Geschenke des Lichtes weiter durch das Feuer zu tragen, auszupacken und anzunehmen – gerade so, als ob das Leben ein ewiger Geburtstag wäre!

Möge sich an uns allen Swami Ramas Botschaft erfüllen, die er von der Tradition durch seinen Meister erhielt und die er in einer handschriftlichen Widmung für diesen in seinem Buch „Living with the Himalayan Masters“ folgendermaßen formuliert hat:

„... Wer hat wie du (gemeint ist der Meister) die Töne der Freude und des Kummers in mein Leben gemischt und mich auf diese Weise befähigt zu begreifen, <daß auf dem Lotus der Schmerzen still die Freude sitzt, die alles, was sie hat, in den Staub wirft und keine Worte kennt>?
Jene, die deine Botschaft verstehen, sollen auf Erden keine Furcht mehr kennen."

Stille

Om param atmane namah: iti
(Im Namen des Höchsten Selbst enden wir jetzt)

 



18.3.2008

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